Nun also Voice. Was sich schon in den Sechzigern abzeichnete, weil Captain Kirk ein ganzes Raumschiff Kraft seiner Stimme durchs Universum manövrierte, wird nun auch in Händlerkreisen aktuell. Besonders für Amazon ist das Ökosystem rund um die neuen Sprachassistenten wichtig, immerhin sollen dort mehr als 10.000 Menschen an Alexa arbeiten.

Wie seinerzeit bei Apples App Store – Dritte schreiben Apps für die ganze Welt, Apple behält ein Drittel, Kunden bekommen sichere und innovative Software – herrscht wieder Goldgräberstimmung. Die neue Geräteklasse der Smart Speaker steht in den digitalen Regalen, dazu zuhörende Mikrowellen und sprachgesteuerte Autos. Apps heißen jetzt Skills, die Community sorgt für die frischen Ideen im Stimm-Ökosystem, mehr als 80.000 Skills soll es bereits allein von Amazon davon geben.

Aber nicht alles ist rosarot. Voice-Geräte sind bisweilen herzergreifend schwer von Begriff.

Luca hasst Alexa

Bei einfachen Wetterauskünften funktioniert die Technik zumeist: Die Sprach-Datei der eigenen Stimme wird in die Sprach-Cloud geschickt, dort dechiffriert, vom jeweiligen Skill weiterverarbeitet, das Ergebnis wird dann wieder in menschliche Sprache zurückverwandelt und an die Fragende zurückgesendet.

Sobald aber etwas komplexeres wie eine Produktrecherche erledigt werden soll, streikt die Maschine. Sie steht da, blinkt blau, entschuldigt sich vielmals, während der Benutzer es in der Hand wiegt und im Geiste bereits dessen Flugkurve berechnet (vom Autor zu 99 Prozent für Sie getestet).
Oder die Box gibt Pikantes zurück, während Kindermund nur eine sehr harmlose Frage gestellt hat. Daher wenig überraschend: Die 100 Millionen allein von Amazon verkauften Echo-Geräten werden zum größten Teil dazu genutzt, das Frühstücksei morgens lang genug kochen zu lassen.
Problem Nummer zwei: Hocheffiziente Mikrofone, ausgestattet mit leistungsstarker Sendefunktionalität rufen besonders hierzulande ein besonders unappetitliches Kapitel der jüngeren Geschichte in Erinnerung. Aber heute muss niemand mehr heimlich Türen öffnen, um alles in einer Wohnung Gesprochene aufzunehmen.

Voice-Fans investieren freiwillig in die Verwanzung der eigenen vier Wände und schätzen den Lifestyle-Mehrwert. Das klappt in der Regel sicher, nur gelegentlich werden zufällig Gespräche an Dritte verschickt oder von Dritten erhalten. Kann passieren.

Trotzdem: Wer sich dem Thema komplett verschließt macht einen Fehler. Denn weder ist es gottgegeben, dass Menschen mit kleinen, kugelbewehrten Plastikdöschen Mauszeiger auf einem fluoreszierenden Röhrenmonitor umherschieben, noch steht irgendwo geschrieben, mit fettigen Fingern auf Glasscheiben herumwischen zu müssen um Urlaubsbilder zu verschicken. 

Sprache ist das intuitivste Mensch-Maschine-Interface und viel einfacher einsetzbar als ein anderes Werkzeug. Gespräch vor Faustkeil.

Unternehmen tun also gut daran, sich mit dieser Art der Kommunikation zu beschäftigen, sie als Experimentierfeld zu begreifen und ihren Kunden den entscheidenden Vorteil gegenüber dem Nicht-Voice-Wettbewerb zu bieten.

Und an alle Zweifler: Jean-Luc Picard hat sich ebenfalls seine Umgebung per Stimme erschlossen - der war Shakespeare-Fan und damit sowieso über jeden kulturellen Zweifel erhaben.

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