Das britische Start-up What3words hat die Welt in 57 Billionen Quadrate eingeteilt und erstellt geographische Koordinaten in drei Wörtern. Mercedes-Benz ist bei dem Start-up bereits eingestiegen. Warum eine Welt in dreimal drei Meter großen Quadraten mit 3-Wörter-Adressen Onlinehändlern und Lieferdiensten hilft, erklärt Firmengründer Chris Sheldrick im Interview.



Herr Sheldrick, es gibt bereits unzählige Adressen auf der Welt. Was hat Sie bewogen, den Globus in dreimal drei Meter große Quadrate einzuteilen und jeweils drei Begriffe als neue Adresse zuzuordnen?

Chris Sheldrick: Richtig, das ist die allgemeine Annahme – aber die Welt ist eigentlich wirklich schlecht adressiert. 75 Prozent der Welt haben nur eine schlechte oder gar keine Adresse, und für die restlichen 25 Prozent fehlt noch immer ein universelles Adresssystem.
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Wie kamen Sie zu der Erkenntnis?

Das Problem mit den Adressen wurde mir klar, als ich Live-Musikevents auf der ganzen Welt organisiert habe. Sowohl die Bands als auch das Equipment gingen auf der Suche nach Veranstaltungsorten und Festival-Locations ständig verloren. Erst habe ich es mit GPS-Koordinaten versucht. Die waren aber zu schwer, in Navigationssysteme einzugeben. Außerdem ist es fast unmöglich, sie telefonisch korrekt zu übermitteln.
Es konnten sehr schnell Fehler unterlaufen. Mit einem Freund habe ich mich dann zusammengesetzt, um eine Lösung zu finden, die genauso exakt wie Koordinaten ist – aber auch prägnant und einprägsam. Wir haben schnell erkannt, dass wir exakte GPS-Koordinaten und benutzerfreundliche Wortkombinationen umwandeln konnten.

Wie ging es weiter?

Sobald wir die Lösung gefunden hatten, wurde uns klar, dass ein einfaches, globales und exaktes System zur Kommunikation von Standorten weit darüber hinausging, Bands rechtzeitig zur Bühne zu bringen. Von der Logistik, der Automobilindustrie, der humanitären Hilfe oder Rettungsdiensten bis zur Post und Verabredungen mit Freunden am Strand kann das Leben vieler Menschen, aber auch von Unternehmen und ganzen Branchen, dramatisch verbessert werden.

Wie funktioniert das System in der Praxis?

Wir haben die Welt in 57 Billionen dreimal drei Meter große Quadrate aufgeteilt. Ein Algorithmus hat jedem Quadrat eine zufällige Kombination aus drei Wörtern zugeteilt. Das heißt, dass jeder Ort der Welt mit einer Kombination aus drei Wörtern genau bezeichnet werden kann – und Millionen Menschen zum ersten Mal eine zuverlässige Adresse haben.
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Das ist der einfachste Weg, um exakte Positionen zu kommunizieren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind nahezu endlos.

Woher bezieht der Nutzer die drei Worte für seine gesuchte Adresse?

Nutzer können die Adressen auf der What3words-Karte online oder auf der kostenlosen App für Android oder iOS nachschlagen. Hotels, Restaurants und andere Unternehmen weltweit haben schon damit begonnen, die Drei-Wort-Adressen zu ihren Standortinformationen hinzuzufügen.

Muss ich für die Nutzung permanent online sein und wie werden die Daten übertragen?

Das System funktioniert offline, das heißt man braucht keine Datenverbindung, um seine aktuelle Adresse zu finden oder eine andere aufzusuchen. Viele Offline-Navigationsapps wie Navmii haben What3words integriert, um die Nutzung auch offline vollständig nutzen zu können. Das funktioniert, indem ein Algorithmus GPS-Koordinaten lokal auf dem Smartphone in Drei-Wort-Adressen umwandelt.

Warum haben Sie Wort- und keine Zahlenkombinationen oder ähnliches gewählt?

Drei Worte ergeben dieselben Kombinationsmöglichkeiten wie 16 Zahlen, lassen sich aber wesentlich einfacher merken und kommunizieren – egal ob über das Telefon, Text oder Sprache. Es ist viel leichter, ///wanne.hörner.gabel zu sagen als die GPS-Koordinaten für genau diesen Ort in New York: 40.758895,  -73.9873197.

Welche Vorteile sehen Sie noch?

Wörter aus dem Wörterbuch haben außerdem einige Eigenschaften, die wir nutzen konnten, um unser System noch zu verbessern: Sie sind für Spracherkennung einfacher zu verstehen als Eigennamen und Zahlen. Beispielsweise ist 15 Ammanford Road nur schwer von 50 Ammanford Road zu unterscheiden. Wir arbeiten außerdem gerade daran, gleichklingende Wörter wie „sail“ und „sale“ auszumerzen, um Fehler bei der Spracheingabe zu vermeiden.  

Wie viele Sprachen „spricht“ die App?

Das System ist in 26 Sprachen verfügbar. Unser Team ist dabei, es in noch mehr Sprachen zur Verfügung zu stellen.
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Welche Entwicklung und Verbreitung erwarten Sie bei mobilen Dienstleistungen mit Spracheingabe?

Mercedes-Benz hat What3words in sein Navigationssystem integriert, damit Anwender an genauen Zielen ankommen und diese einfach per Sprache eingeben können. Menschen mit Behinderungen können auch #AccessibleOlli, ein selbstfahrendes Shuttle, per Sprache zu Drei-Wort-Adressen schicken. DXC hat einen Skill für Amazon Alexa konfiguriert, mit dem Drohnen über Spracherkennung zu Drei-Wort-Adressen navigiert werden können. Auch SHEnetics hat What3words in seinen individualisierbaren Sprachassistenten für Automotive, Luftfahrt, Tourismus, Gesundheitswesen und Unterhaltungselektronik integriert.  

Welche Anwendungen sind möglich?

Drei-Wort-Adressen werden auf der ganzen Welt in unterschiedlichen Sektoren – von Logistik, E-Commerce, Postdiensten, Navigation, Automotive, Rettungsdienste und Katastrophenhilfe – genutzt. In jeder dieser Industrien wird in vernetzte Geräte und Spracherkennung investiert. Wir erwarten daher, dass Menschen bald ein Taxi oder Essen bestellen und dabei eine Drei-Wort-Adresse angeben können.

Welchen Vorteil haben Handelsunternehmen oder Lieferdienste durch Anwendung der App?

Für Lieferdienste und Logistikunternehmen bedeutet die Nutzung von Drei-Wort-Adressen, dass sie ihre Kunden schneller finden.  Eine von uns initiierte Studie hat herausgefunden, dass 70 Prozent der Adressen im Vereinigten Königreich nicht genau zum Eingang eines Unternehmens oder Hauses führen. Drei Viertel der befragten haben angegeben, dass Lieferanten, Dienstleister und Besucher Probleme damit haben, ihre Häuser oder Geschäfte zu finden. Unternehmen, die Drei-Wort-Adressen angeben, können einfach gefunden werden.

Haben Sie bereits praktische Erfahrungen gesammelt?

Gemeinsam mit einem globalen Logistikpartner haben wir Drei-Wort-Adressen in Großbritannien getestet, um den Einfluss zu messen, den What3words auf die „letzte Meile“ bei Lieferungen haben könnte – vor allem auf die letzten 250 Meter. 
Beim Vergleich von Lieferungen an normale Adressen mit Lieferungen an Drei-Wort-Adressen hat sich herausgestellt, dass Lieferungen mit diesen fast ein Drittel schneller ausgeführt werden können. Kuriere verfahren sich seltener, verbringen weniger Zeit auf der Straße, verbrauchen weniger Benzin und müssen Kunden nicht telefonisch nach genauen Orten fragen. Mehr erfolgreiche und pünktliche Zustellungen heißen auch, dass die Kunden zufrieden sind – eine Verbesserung für alle Beteiligten.

Kann das Angebot in eine Tourenplanung integriert werden?

Natürlich. Wer eine Tour plant, kann mit Drei-Wort-Adressen den Startpunkt und Wegmarken festlegen. Sie können die Anschriften auch in mehreren Sprachen angeben, damit sie von vielen Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache genutzt werden können.

Muss der Kunde dann nicht ebenfalls die App nutzen, um die drei Worte für die gewünschte Lieferadresse nennen zu können?

Für den täglichen Gebrauch können die Nutzer die What3words-App verwenden, um ihre Lieferadresse herauszufinden oder Drei-Wort-Adressen in anderen Apps oder Tools finden, die auf unser System setzen, wie TripGo, PockerEarth und Navmii. Manche Logistikdienstleister, wie beispielsweise Aramex, haben die Erkennung für Drei-Wort-Adressen ebenfalls implementiert.

Ist die Nutzung wirklich kostenlos und was passiert mit den Daten?

Unser Unternehmensziel ist es, sowohl Gutes zu tun als auch Umsatz zu generieren. Die App ist für Einzelpersonen kostenlos, für Hilfs- und humanitäre Organisationen gibt es eine Schutzgebühr. Unternehmen berechnen wir eine Gebühr, damit sie unseren Code in ihre Systeme integrieren können. Unsere Kunden nutzen die Daten dann entsprechend ihrer eigenen Richtlinien, genau wie sie traditionelle Adressdaten behandeln würden.

Mercedes-Benz hat Ihre Idee aufgegriffen und in sein neues Fahrzeugkommunikationssystem integriert. Stehen Sie mit weiteren Automobilherstellern in Kontakt?

Wir haben derzeit viele gute und interessante Gespräche. Gerade haben wir eine Kooperation mit TomTom bekannt gegeben, die What3words integrieren, um ihren Kunden die Vorteile genauerer Adressen zu bieten.  

Wie sehen Ihre nächsten Entwicklungsschritte aus? Welche weiteren Funktionen und Einsatzgebiete sind zu erwarten?

Neben der Erweiterung des Angebots um sechs weitere Sprachen, sind wir gerade damit beschäftigt, die Spracherkennung für Sprachassistenten und Voice Engines zu verbessern und arbeiten an OCR-Technologie, um Drei-Wort-Adressen für Anwendungen im E-Commerce scannen zu können. Das System eignet sich außerdem sehr gut für Drohnenlieferungen und autonome Fahrzeuge. Eine Adresse mit Straßennamen ist für eine Drohne viel zu ungenau um zu wissen, wo sie landen soll, und autonome Fahrzeuge werden eine extrem genaue Adresse brauchen, um zu wissen, wo ihr Ziel ist – viel genauer, als es mit Straßennamen möglich wäre.
Das System wurde schon von neun Postdiensten eingeführt, und wir sprechen mit Regierungen und Behörden auf der ganzen Welt über weitere Implementierungen. Sogar die Macher amerikanischer TV-Krimis sind bereits auf uns aufmerksam geworden: Wir wurden schon in NCIS:LA und Blindspot für überraschende Wendungen genutzt! 

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