Mit Agentic und Autonomous Commerce erreicht die Digitalisierung des Handels eine neue Evolutionsstufe. Automatisierung wird intelligent und KI zum Akteur im Online-Handel. Aufwändige, nutzergetriebene Interaktionen zwischen Einkäufern und Händlern, die bisher menschliche Manpower erfordert haben, werden von KI-Agenten übernommen – automatisiert, autonom, 24/7.
Zukunftsszenario oder schon Gamechanger?
Technisch ist das alles schon möglich. Anders als klassische KI-Modelle liefern KI-Agenten mehr als Antworten. Sie verstehen Aufgaben, analysieren Situationen, planen Handlungsschritte und nutzen Tools und Datenbanken, um diese umzusetzen. Sie interagieren mit anderen Systemen, stoßen Prozesse an und lernen aus den Ergebnissen. KI-Agenten können eigenständig Aufgaben erledigen – von der Bedarfsanalyse bis zur Bestellung.
Mit Blick auf die Kundenerlebnisse sind die Befragungsergebnisse sogar noch deutlicher: Mehr als die Hälfte der Händler und Hersteller gehen von einer Steigerung des Bestellkomforts (56 %) für Kunden und der Reaktionsgeschwindigkeit (52 %) auf ihre Anfragen aus.
Im B2B-Handel bald Standard?
Insbesondere der B2B-Handel kann durch den Wandel zum Autonomous und Agentic Commerce profitieren. Er bietet viele Wiederholungsszenarien, in denen sich Prozessautomatisierung rentiert und auch heute schon auf erster Stufe stattgefunden hat. Dazu gehören beispielsweise Bestellungen, Nachbestellungen, Lieferanfragen, Reklamationen, Freigabeprozesse, Self-Service-Portale oder EDI (Electronic Data Interchange)-Anbindungen.
In Hinblick auf die Entwicklung zum autonomen Handel und Agentic Commerce ist neu, dass KI komplexe Prozesse nun sogar verstehen kann. Diese intelligente Form der Automatisierung erkennt Muster, weiß, warum es weniger Bestellungen oder eine sinkende Conversion gibt, und steuert selbst sofort dagegen. Gerade umfangreiche und vielschichtige Projekte lassen sich so enorm beschleunigen und optimieren. Das bindet weniger menschliche Manpower und versetzt Unternehmen und Händler in die Lage, schneller zu agieren, verlässlicher zu planen und effizienter zu arbeiten.
Um die stetig steigenden Anforderungen durch die zunehmende Komplexität von Sortimenten, Lieferketten und Kundenbeziehungen auch in Zukunft erfolgreich zu meistern, wird sich intelligente Automatisierung über die nächsten Jahre im B2B darum immer mehr zum Standard entwickeln.
Was aktuell noch bremst
Derzeit tasten sich Händler und Hersteller an das Thema aber weitgehend noch heran. In der Studie vom IFH KÖLN haben nur ein Drittel der Befragten (34 %) genaue Vorstellungen davon, was Autonomous Commerce umfasst. Auch wenn viele um das enorme Potenzial wissen, zögern sie noch bei der Einführung intelligenter Automatisierungslösungen. Technologische Komplexität (44 %) und Datenschutz (43 %) halten die meisten noch davon ab. Insgesamt 41 % gaben fehlendes Know-how als Hürde an. Speziell im B2B-Segment (45%) fühlen sich viele noch nicht gut genug aufgestellt.
Wie aber können Händler die nötige digitale Reife für intelligente Automatisierung erlangen? Orientierung in diesem Prozess bieten folgende fünf Schritte:
- Rock-Solid-Infrastruktur einrichten: Eine modular aufgebaute Infrastruktur aus leistungsstarken Systemen ist die Grundlage. Sie sollten API-basiert perfekte Interoperabilität ermöglichen. Systeme aus einer Hand sind besonders gut aufeinander abgestimmt.
- Strukturierte Datenbasis schaffen: Strukturierte Daten sind die Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von KI-Lösungen und -Agenten. Produktdaten sollten z.B. zentral in Echtzeit aktualisiert und allen Systemen und Kanälen konsistent in hoher Qualität bereitgestellt werden.
- Digitalisierungspartner einbinden: Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Technologieexperten, die Orientierung, Systeme und Services bieten, beschleunigt die zielgerichtete, ergebnisorientierte Implementierung und den Know-how-Transfer.
- Mitarbeitende einbeziehen: Ein grundlegendes Verständnis neuer Technologien durch Schulungen fördert ihre Akzeptanz und Nutzung.
- Change-Management aktiv steuern: Die Transformation zum Autonomous Commerce braucht Führung und Kommunikation, um zu gelingen.
Für den pragmatischen Start eignet sich ein überschaubares Pilotprojekt mit risikoarmen Prozessen, dessen Ergebnisse einfach messbar sind. In einem solchen Einsatzszenario wird der Mehrwert von intelligenter Automatisierung schnell konkret sichtbar.
Nach ersten Erfahrungen mit dem Pilotprojekt sollte die schrittweise Skalierung in weitere Unternehmensbereiche erfolgen. Eine Analyse zeigt, wo sich Prozesse optimieren lassen (z. B. Customer Service, Produktdatenmanagement, etc.). So entstehen aus ersten Experimenten nach und nach messbare Wettbewerbsvorteile.
Fazit
Autonomous Commerce ist mehr als ein Trend. Er verändert die Strukturen im E-Commerce grundlegend. Insbesondere der B2B-Handel kann dadurch profitieren und neue Wettbewerbs- und Effizienzpotenziale erschließen. Die Entwicklung zum autonomen Handel und Agentic Commerce ist ein Prozess, der schrittweise erfolgt. Entscheidend für Händler ist, das Thema jetzt aktiv anzugehen und offen für Learnings zu bleiben.

etailment Experte
Markus Rohmeyer ist seit Januar 2019 Chief Product Officer (CPO) bei novomind und verantwortet dort den Vorstandsbereich Product Management. Der Diplom-Ingenieur leitet den Geschäftsbereich Product Information Management bei novomind bereits seit Juli 2010. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen im B2C- und B2B-E-Commerce sowie im Product Information Management. novomind entwickelt seit mehr als 25 Jahren KI-gestützte Softwareloösungen für Digital Commerce und Customer Service.
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