Die Hälfte der Landbevölkerung in Deutschland gilt inzwischen als „nicht nahversorgt“. Besser wird es nur werden, wenn sich Bürger, Beamte und Handel zusammentun.

Das 1.600-Seelen-Dorf Wernborn im Taunus war bis in die 1990er-Jahre ein geschäftiger Ort mit zwei Kneipen, einer Disco, Metzgerei, Bäckerei, Blumen- und Obstgeschäft sowie einem Gemischtwarenladen mit allem, was man sonst so im Haushalt und im Leben brauchte – vom Bleistift bis zum Bügeleisen. Heute teilen die Bewohner von Wernborn das Schicksal ihrer Nachbargemeinden und der Mehrheit der Landbevölkerung in Deutschland und müssen fast oder ganz ohne Geschäfte im Umkreis von drei Kilometern auskommen.

Sie gelten damit als „nicht nahversorgt“, weil der Lebensmitteleinkauf zu Fuß nicht möglich ist. Ohne Auto geht fast nichts. Zweimal am Tag gibt es eine Busverbindung in die Kernstadt Usingen, die mit sechs Gemeinden im Umland für fast 15.000 Einwohner ein Zuhause ist.

Das Dilemma: Mehr als 87 Prozent der Lebensmittelgeschäfte unter 400 Quadratmeter Ladenfläche haben seit 1990 aufgegeben. Das Angebot von Online-Supermärkten, Quick-Commerce-Anbietern und Lieferdiensten aber ist auf dem Land bisher nicht angekommen. Fast alle Unternehmen, die gerade mit viel Kapital den Lebensmittelhandel aufrollen, konzentrieren sich auf die großen Städte und deren Umland.
Die Postkarten-Idylle im hessischen Usingen täuscht: Nicht überall in Deutschland fühlt sich die Bevölkerung fußläufig gut versorgt.
© Imago/Shotshop
Die Postkarten-Idylle im hessischen Usingen täuscht: Nicht überall in Deutschland fühlt sich die Bevölkerung fußläufig gut versorgt.
„Immerhin bieten Rewe und Edeka einen Lieferservice gegen Entgelt oder die Abholung online bestellter Waren an“, berichtet Usingens Bürgermeister Steffen Wernard. „Während der Corona-Pandemie hat sich auch gezeigt, wie gut die Nachbarschaftshilfe in den kleinen Orten weiterhin funktioniert. Aber natürlich brauchen wir eine bessere Anbindung der Dörfer an unsere Kernstadt und die Geschäfte. Der Busverkehr richtet sich bisher nach den Schülern.“ In Planung ist nun ein ehrenamtlicher Elektro-Bus, der eine Einkaufsroute fahren und gleichzeitig Bestellungen in die Dörfer bringen soll.

Wernards Sorgen sind unter Bürgermeistern im ländlichen Raum weit verbreitet. Sie wissen: Fehlende Erreichbarkeit beschleunigt die Landflucht und trübt die Aussichten auf eine gelingende Verkehrswende.


Prinzipiell verbreitert der Online- Handel das Einkaufsangebot auch auf dem Land. Durch Amazon, Otto und andere gibt es fast alles zu jeder Zeit, was vor allem den Geschäften in den Klein- und Mittelstädten zu schaffen macht, wenn sie sich nicht digital aufgestellt haben.

Bei den Einzelhändlern in Usingen hat die Pandemie nur vereinzelt für einen Digitalisierungsschub gesorgt. Ein lokaler Online-Marktplatz wurde noch nicht geschaffen. Dennoch gibt es gute Beispiele, berichtet Wernard und nennt das Schuhgeschäft „Schuh- Effekt“, das einen Online-Shop mit Lieferung sowie Click-&-Collect-Funktion bietet. „Die Gewerbetreibenden müssen gegebenenfalls mit Unterstützung des Gewerbevereins selbst aktiv werden. Wir im Rathaus kümmern uns gemeinsam mit dem Seniorenbeirat darum, Seniorinnen und Senioren digital fit zu machen, damit sie die Angebote künftig nutzen können.“

Digitalisierung verschlafen

Nicht nur in Usingen lässt die Digitalisierung zu wünschen übrig – fast überall in Deutschland sieht es ähnlich aus, meint Roman Heimbold, Geschäftsführer der Atalanda GmbH. Seit zehn Jahren baut er lokale Online-Marktplätze. 30 sind es bisher – bei über 2.200 Städten in Deutschland eher wenig. „Dafür braucht es zwei Dinge: motivierte Händler und einen Citymanager“, erläutert Heimbold. „Am Anfang der Pandemie dachten wir, jetzt kommt die große Welle. Weit gefehlt. Oft liegt es nicht an den Gewerbeämtern, sondern an den vielen, vielen Händlern, die digitale Nichtschwimmer sind. Ihnen fehlt das allgemeine Grundverständnis für die Vorteile der Digitalisierung und damit auch die Motivation.“

Die meisten seiner Mitbewerber im Online-Marktplatz-IT-Geschäft haben bereits aufgegeben, so Heimbold. Ein Lichtblick sei lediglich, dass viele Händler die staatlichen Digitalisierungshilfen zur Einführung von Warenwirtschaftssystemen genutzt hätten – immerhin eine wichtige Voraussetzung für einen Online-Shop.
Ähnliche Zahlen wie Atalanda legt auch der Online-Riese Ebay vor, der mit seinem lokalen Online-Marktplatz-Angebot „Ebay Deine Stadt“ nach über einem Jahr lediglich 32 Städte und Regionen für eine Plattform begeistern konnte. Gerade meldete Ebay mit Baunatal einen Neuzugang. Die Mehrzahl der Teilnehmer sind Mittel- und Großstädte, über 12.000 Händler machen mit.

Bürger müssen mitmachen

Viele Modellprojekte zur Wiederbelebung der Nahversorgung im ländlichen Raum sind in den vergangenen Jahrzehnten gescheitert. Auch die Zahl der Dorfläden geht zurück, obwohl diese über Edeka marktübliche Preise und die Einkaufslogistik erhalten können. „Die Initiative muss von den Bürgerinnen und Bürgern eines Ortes ausgehen, nur dann klappt das“, erläutert Patrick Küpper vom Thünen- Institut.

Seit 2011 beschäftigt sich der Raumordnungs-Experte mit der Entwicklung auf dem Land und ist Mitautor der Studie „Dynamik der Nahversorgung in ländlichen Räumen verstehen und gestalten“. Auf politischer Ebene ist der Wille groß, die Lebensbedingungen der Landbevölkerung zu verbessern und Projekte, die zur Sicherung von Teilhabe und Daseinsvorsorge beitragen, mit stattlichen Summen zu fördern. Für die Ausschreibung 2021 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Kooperation mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund bewarben sich 59 Kleinstädte und Gemeinden, von denen 15 aktuell mit bis zu 50.000 Euro gefördert werden.
Küpper ist trotzdem skeptisch. „Die Einkaufsroutinen der Bevölkerung, deren Preissensibilität und die breite Ablehnung von Lieferservice-Entgelten laufen allen aktuellen Bemühungen entgegen.“ Vielerorts haben sich die Menschen an die Einkaufssituation gewöhnt oder kennen es gar nicht mehr anders. Nur ein Viertel gibt in Befragungen einen Handlungsbedarf zur Verbesserung der Einkaufsmöglichkeiten an.

Doch Geschäfte sind eben auch als lokale Treffpunkte insbesondere für Rentnerinnen und Rentner wichtig. Der Einkauf dort holt sie aus ihrer Einsamkeit und wirkt der Anonymisierung des Landlebens entgegen. So zeigen beispielsweise Ergebnisse von Befragungen in drei Orten, in denen die Schließung eines Dorfladens bevorstand, dass für gut ein Drittel der Befragten (37,4 Prozent) die Ladenschließung mit dem Verlust eines wichtigen Treffpunkts verbunden ist.

Vor diesem Anspruch sind wohl auch personalfreie 24/7-Läden, die gerade als rentable Lösungen für Grenzertragsstandorte diskutiert werden, eher kontraproduktiv. Teo aus dem Hause Tegut zum Beispiel sieht keine soziale Interaktion vor.

Tante-Enso-Läden des Online-Supermarkts Myenso folgen einem Mischmodell. Die Läden bieten den Inhabern einer personalisierten Tante-Enso-Karte 24/7-Zugang mit Self-Checkout-Kasse. Tagsüber aber sind die Läden zu individuellen, vom Ort selbst bestimmten Öffnungszeiten allgemein zugänglich und werden von Personal betreut. „Die Dorfläden sollen auch für Menschen, die nicht digitalisiert einkaufen wollen, zugänglich sein“, heißt es von Enso. So gebe es zu den personalbesetzten Zeiten auch eine „normale“ Kasse für die Zahlung mit Bargeld oder Girocard. Enso setzt die Initiative der Dorfgemeinschaften voraus, denn die müssen sich, wie beim Dorfladen, darum bemühen. „Wir können nicht überall sein, deshalb bewirb Dich bei uns“, heißt es auf der Tante-Enso-Webseite.

Die Wernborner sind übrigens bekannt für ihr reges Gemeinschafts- und Vereinsleben. Vielleicht schaffen gerade sie es ja, mit einem der neuen Handels-Formate auch die Geschäftswelt wieder zu beleben.

Dieser Artikel erschien zuerst in Der Handel.