Wie groß der deutsche Onlinehandel ist, ist wie Aktenzeichen XY: ungelöst. Man hat den Eindruck, als rechnet die stationäre Konkurrenz ihre digitalen Mitbewerber systematisch kleiner. Dabei stufen die Herren des großen Geldes, Banken und Investoren, die Lage ganz anders ein. Und daran sollten sich die traditionellen Händler orientieren.

So einen Satz kann man in viele Richtungen interpretieren. "Wir sehen nicht, dass der Onlinehandel den Stationärhandel zerstören könnte." Das hat diese Woche Ralf-Peter Koschny gesagt, Chef des Immobilienberatungsunternehmens Bulwiengesa. Entweder ist Koschny ein Mann mit seherischen Fähigkeiten - oder einer, der sein eigenes Geschäftsfeld selbstverständlich nicht schlechtreden darf.

Denn Bulwiengesa verdient sein Geld halt mit Beton, mit stationären Handelsflächen. Und so einer wird kaum sagen: "Leute, der Drops ist gelutscht. Der Onlinehandel wird uns alle plattmachen."

Bulwiengesa ist einer der Beteiligten des detaillierten "Retail Real Estate Report Germany", den der Immobilienberater Hahn Gruppe alljährlich federführend herausgibt. Dieses Kompendium ist ein Standardwerk der Handelsbranche, zumindest für diejenigen, die stationär unterwegs sind.

Hier wird alles aufgelistet, was mit Handelsimmobilien zu tun hat, wer expandieren will, wo Investoren ihr Geld hineinstecken, und in welchen Städten überhaupt noch neue Läden eröffnet werden.

Genau hinsehen, wer noch expandieren will

Immerhin: 56% der von Hahn befragten Händler wollen in diesem Jahr neue Standorte eröffnen. Klingt viel. Doch voriges Jahr waren es noch 64%. Und: Es sind vor allem Drogerie- und Lebensmittelmärkte, die expandieren wollen. 
Wenn in Franken ein Laden geschlossen hat...
© Gisela Plettau
Wenn in Franken ein Laden geschlossen hat...
Rechnet man dieses Segment raus, sieht es schon anders aus mit der Lust an neuen Läden.

Bei den Textiliten kalkulieren nämlich fast 47% der befragten Unternehmen mit weniger Standorten, bei den Elektronik- wie auch Möbelhändlern sind es gar 66%. Und schaut man auf die Schuhhandelsbranche, dann muss man befürchten, dass Läden hier so rar werden, wie Regentage in diesem Sommer: 80% der befragten Händler planen mit weniger Standorten.

Vorsicht, Statistik!

Warum eigentlich? Vielleicht doch wegen der Onlinekonkurrenz? Doch die soll ja angeblich in diesem Jahr nicht mehr so stark wachsen wie im Vorjahr, hat das Marktforschungsunternehmen Mintel errechnet. Um nur noch 6,9% würden in diesem Jahr die Umsätze des Onlinehandel zulegen - wegen der Konjunkturflaute. Aha.

Dass die Konjunktur bissel wackelig ist derzeit, ja, gut, aber dass die Leute deswegen gleich so viel weniger im Netz bestellen als voriges Jahr? Damals wuchs die Onlinebranche noch um 11,3%. Laut Mintel. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
Nun ist das Kleinreden des Onlinehandels nicht neu. Sämtliche Statistiken und Daten der jüngsten Vergangenheit darf man getrost mit spitzen Fingern anfassen, egal, ob sie vom Handelsverband Deutschland (HDE)  oder vom Institut für Handelsforschung (IFH) oder der GfK kommen. Selbst der Branchenverband BEVH liefert stets Erhebungen, wie wir für nur bedingt belastbar halten.

Mieten sinken, Flächenumsätze aber auch

Stationäre Händler sollten gewarnt sein vor so viel Statistik-Watte. Denn die Wirklichkeit ist härter, aber das weiß jeder, der täglich in seinem Laden steht und merkt, wie viele, besser wie wenige Kunden noch kommen. Wer jedoch die rosaroten Statistiken glaubt und sich sagt: "Juhu, alles halb so wild mit dem Internetding, da kann ich ja meine Digitalisierungsbemühungen noch aufschieben", der hat verloren.

Wie die Lage im stationären Handel ist, listet ein anderes dickes Papier auf, diesmal vom Immobiliendienstleister BNP Paribas Real Estate. Eigentlich sinken in jeder Stadt die Mieten (was erstmal gut ist für Unternehmer), andererseits sinken jedoch auch die Flächenumsätze (weswegen Unternehmer immer weniger expandieren, was die Nachfrage nach Flächen sinken lässt). Selbst in einer Top-Stadt wie Düsseldorf, wo der Luxus zu Hause ist, wird in den Läden weniger umgesetzt.

Drei Unternehmen beherrschen 75% des Marktes

Nun haben Düsseldorf, Braunschweig, Heidelberg oder Osnabrück nicht Einwohner verloren. Nein, die dieselben Einwohner kaufen immer weniger in den Läden, sondern im Internet - und dort vor allem bei drei Händlern: Amazon, Otto und Zalando, die mittlerweile für 75% aller deutschen Onlineumsätze stehen.

So eine vergleichbare Konzentration gibt es sonst nur noch im Lebensmitteleinzelhandel, wo vier Unternehmen (Rewe, Edeka, Aldi und Lidl-Schwarz-Gruppe) gut 85% des Marktes dominieren. 

Mögen diese großen Vier noch einigermaßen gleichstark sein, sind Otto und Zalando von Amazon schon so weit entfernt, dass sie sich gewaltig anstrengen müssen, um auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Zalando hat sich ja gerade neu erfunden.

Otto muss sowieso erstmal durchatmen, nachdem ihnen nach nur anderthalb Jahren der Multichannel-Vorstand Sven Seidel abhandengekommen ist. Der Mann, der einst zu modern für den Lebensmitteldiscounter Lidl war, soll nun den Pharmagroßhändler Phoenix in die digitale Spur bringen.

Wissen Banken und Investoren mehr?

Ja, gut, bei Amazon ist jetzt auch Vorstandsmitglied weg. Der Fresh-Man Florian Baumgartner wechselt wohl zum Online-Druckdienstleister Vistaprint. Unvergessen Baumgartners Auftritt bei der Münchner ECR-Tag im Jahr 2017, als er nach seinem Vortrag in den Saal rief, dass jeder der Lust habe, bei Amazon zu arbeiten, sich doch bitte sofort bewerben solle. 
Zurück zu den Immobilien. Hier steht im Hahn-Report, dass der Onlinehandel für 91% der befragten Immobilieninvestoren und Kreditbanken ein Risikofaktor für den stationären Handel ist.

Das ist ein Wort. Doch Hahn findet diese Besorgnis für nicht gerechtfertigt - und verlässt sich dabei auch auf die Wachstums-Prognose vom HDE. Der Verband sagte im Januar, bei seiner großen Jahresvorschau für den deutschen Einzelhandel, ein Plus von 9% für die Onliner vorher. 

Ladengeschäfte? Die gibt es noch!

Vielleicht interpretieren die Leute, die fürs Geld verantwortlich sind, also besagte Investoren und Banken, solche Studien differenzierter oder realistischer. DEN deutschen Onlinehandel gibt es nämlich sowieso nicht. Es gibt Amazon und noch ein paar andere. Und die Amazon-Umsätze sind allein 2018 um etwa 17% gestiegen, und das ist ein noch wichtigerer Wert als das Gesamtbranchen-Plus von 11%. 
© etailment
Selbstverständlich wird der Stationärhandel von der Onlinekonkurrenz so schnell nicht "zerstört" werden. Es wird auch weiterhin in den Fußgängerzonen der großen Städte eingekauft werden können. Noch. In denen der kleineren Städte halt nicht mehr so gut. Und in der Provinz gibt es nur noch Lebensmittler, Drogerien und Nagelstudios. Aber es findet sich bestimmt eine Statistik, die das anders sieht.

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