Das Leben kann heutzutage manchmal ganz schön kompliziert sein. Die Komplexität des Digitalen kumuliert zuweilen dann an der Handelskasse. Und zwar so sehr, dass man an Halluzinationen glaubt. Es kann aber ganz unterschiedliche Gründe haben, dass man seinen Augen nicht traut. Zumindest gilt das für Edeka. 

Für unseren Kollegen Hanno Bender legen wir die Hand ins Feuer. Der Mann ist ein Ritter der Fakten, und ohne ihm zu sehr schmeicheln zu wollen, darf man ihn als Oswalt Kolle für Payment-Themen bezeichnen. Ein Aufklärer und Erklärer. Daher ist Bender auch gänzlich unverdächtig, sich vor seinem jüngsten Einkauf in einer Edeka-Filiale mit "Mehlzauber Roggenmehl Type 1150" in einen anderen Bewusstseinszustand gebracht zu haben. Denn dieses Mehl kann nämlich im schlimmsten Fall zu Halluzinationen führen. 

Den Mehlzauber (oder das Zaubermehl?) gab es zuletzt bei Rewe und Edeka in bayerischen Filialen und muss jetzt aus den Regalen genommen werden - wegen erhöhter Mengen Ergotalkaloide.

Ergo was?

"Ergotalkaloide sind Stoffwechselprodukte bestimmter Pilze (sic!). Diese Alkaloide können in Abhängigkeit von der Dosis leichte bis schwere Gesundheitsbeeinträchtigungen verursachen", informiert das Bundesinstitut für Risikobewertung. Halluzinationen sind demnach auch drin, abgesehen von gewissen Beeinträchtigungen von Körperregionen, die deutlich privater Natur sind. 

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Nun haben manche Leute mit Halluzinationen keine Berührungsängste, ein paar Bissen mancher Pilzsorten sind hier und dort gerne genommene Stimmungsaufheller.

Kollege Bender ist aber ein rechtschaffener Journalist und Familienvater - Magische Pilze oder verseuchtes Mehl kommen dort nicht in die Speisekammer. Der Mann geht mit wachen Augen vor allem durch die Handelswelt.

Also auch durch eine Edeka-Filiale, wo das bargeldlose Einkaufen derart reglementiert wird, wie es sonst nur noch Reisende kennen, die von Kirgistan nach China gelangen wollen. Am Grenzübergang saugen die chinesischen Behörden nahezu jede Information aus dem Reisenden, als habe man George Orwell inhaliert.

Wer bei besagtem Edeka-Händler mit einer EC-Karte, die ein Fachmann wie Bender korrekt Girocard nennt, bezahlen will, muss gut aufpassen, dass er eine der vielen Anforderungen hier erfüllt. Verwirrt wird der Kunde auch, weil er ja nicht weiß, ob sein Mindestkaufwert 5 oder 10 Euro sein muss - zwei verschiedene Schilder geben unterschiedliche Auskünfte.

Irrer wird dann der Rest mit Ausschlussverfahren, Einschränkungen und weiteren Bedingungen - wie etwa der gagaesken Aufforderung, dass das Personal Adresse und Geburtsdatum des Kunden notieren wird, sollte dieser für mehr als 100 Euro einkaufen (siehe Foto). 
Kartennutzung bei Edeka: Wie an der chinesischen Grenze
© Hanno Bender
Kartennutzung bei Edeka: Wie an der chinesischen Grenze
So geht's zu im Bargeldland Deutschland, wo sich Darmstadt "Digitalstadt" nennt, aber keiner, der dort wohnt, weiß, warum. Und Behördenmitarbeiter wissen das auch nicht.

Nicht nur Darmstadts Oberbürgermeister sollte eine Bildungsreise nach Estland übernehmen, wo die Menschen auf eine digitale Infrastruktur zurückgreifen können, die es sonst nirgendwo in Europa gibt. "Wir müssen lernen, öffentliche Dienstleistungen so effizient anzubieten wie Amazon Bücher verkauft – Verzicht auf physische Präsenz, keine Anwendungskosten, keine Öffnungszeiten", hat einmal die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid in der FAZ geschrieben.
Vielleicht sollte die Edeka-Zentrale ihrem etwas rückständigen Mitglied ein paar Nachhilfestunden geben im Unterrichtsfach moderner Zahlungsverkehr.

Vielleicht könnte auch ein kollegialer Tipp von Edeka Lindenberg aus Berlin helfen. Der Markt in Reinickendorf ist digital mutmaßlich schon etwas weiter als viele seiner Kollegen, wenn man sich den lustigen Instagram-Aufritt ansieht.
Mann und Frau zeigen gerne Haut - und was man sonst noch so hat. Die Eigenwerbung "Super Markt super geil" will schließlich mit Leben gefüllt werden. Aber in Sachen "geil" kann auch der Edeka im Frankfurter Ostend mithalten, denn geil ist heute, wer in den sozialen Medien für geil befunden wird. Wer dort den richtigen Akzent zur richtigen Zeit setzt, wird berühmt. Das wissen ja auch schon Edeka Ankermann in Lichtenfels und der Vaihinger Getränkehändler Kastner, der mit seiner seinem Kampf gegen Plastik die Greta Thunberg des Einzelhandels geworden ist.
© etailment
Der Edeka im Frankfurter Ostend, es dreht sich wohl um eine Scheck-Inn-Filiale, bekam dieser Tage ein paar Twitter-Likes geschenkt. "Eben im Edeka Ostend gewesen, was ein geiler Laden. Sehr viel mehr Qualitätsware, als in normalen Supermärkten" freut sich ein Twitter-Profil namens "Batscher". Yeah, die gute Mochi-Eiscreme aus Japan gibts hier auch - und eben charakterlich einwandfreie Kräuter von Infarm. Infarm kennt der Etailment-Leser selbstverständlich als kraftvoll wachsendes (sic!) ökologisches Kräuter-und-Gemüse-Aufzucht-Start-up aus Berlin, in das gerade 100 Millionen Dollar investiert worden sind.

Zurück zum Eigentlichen - und das sind die sozialen Medien. Hier ist auch für Händler alles drin, Depp oder Held. Es liegt an ihm, ob er verhöhnt oder gefeiert wird. Der Depp macht Kunden zu Deppen, weil er mit den bargeldlosen Zahlungssystemen überfordert ist.

Der Held wird sogar in der Tagesschau gefeiert. 

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