Der Lidl-Chef sagt, Trends könne man auch mal erst beobachten. Wenn er sich da mal nicht vertut. Denn Schweizer Handelsforscher prognostizieren, dass der klassische Einzelhandel in Zukunft kaum noch gebraucht wird. Das finden Sie ketzerisch? Na, dann fragen Sie doch nur mal den Tesla-Chef, was er davon hält.

"Also gut, einigen wir uns auf unentschieden", ruft der Schwarze Ritter, nachdem er nur noch als Torso auf dem Boden steht, Arme und Beine abgeschlagen vom Schwert des abwandernden König Artus. 

Kenner wissen sofort, dass es eine der schönsten Szenen ist aus dem Monty-Python-Klassiker "Die Ritter der Kokosnuss", und an diesen Film wurden wir in dieser Woche wieder einmal erinnert. Genauer an den Schwarzen Ritter, der im Kampf mit dem König dermaßen vermöbelt wird, aber bis zuletzt glaubt, er könnte doch noch gewinnen. Und als der König schließlich ablässt von der Witzfigur ohne Gliedmaßen, wird die Groteske auf die Spitze getrieben, indem der haushohe Verlierer dem Sieger generös ein Unentschieden anbietet.

Wenn Klaus Gehrig über die Zukunft spricht

Ein bisschen erinnerte uns diese Woche Klaus Gehrig an den Schwarzen Ritter. Der Chef der Lidl-Schwarz-Gruppe war Stargast bei den "Retail Innovation Days" der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, einer Bildungseinrichtung, die auch von den Zuwendungen von Lidl lebt, genauer, von der Stiftung des Firmengründers Dieter Schwarz. 

Der Schwarze Ritter

 Gehrig sprach so allerlei über die Zukunft des Lebensmitteldiscounts, über das Interesse der Tochter Kaufland an etwa 100 Standorten des zum Verkauf stehenden SB-Warenhausunternehmens Real - und zur Zukunft des Onlinehandels für Lebensmittel.

Gefühlt die Besten

Diese findet mittlerweile ohne Lidl und Kaufland statt, beide haben es versucht, aber als für zu teuer befunden (250 Millionen bis 300 Millionen Euro Kosten pro Jahr) wieder eingestellt. "Wir waren gefühlt vom System her die Besten", sagte Gehrig in Heilbronn. "Aber der Verlust war uns einfach zu viel. Lasst uns das dann machen, wenn wir stärker den Rücken freihaben - am Ende muss ja das operative Geschäft die Kosten erwirtschaften."

Also Schluss mit E-Food. 
Vorige Woche zog Lidl sogar den Kochboxen-Service aus dem Verkehr. Man hat oft das Gefühl, dass alte deutsche Handelsunternehmen beim Thema E-Commerce ungefähr so denken: Wir müssen erst das Geld verdienen, das wir investieren wollen. Ungefähr so, wie wenn ein Nichtschwimmer dazu gezwungen wird, einen tiefen Fluss zu durchqueren, damit er auf der anderen Seite an einem Schwimmkurs teilnehmen darf.

Onlinehandel muss man eben können

Onlinehandel muss man eben können, und der mit Lebensmitteln ist gerade in Deutschland besonders schwer, erst recht als Discounter. Warum das so ist, haben wir hier schon erklärt: Die Verbraucher brauchen es (noch) nicht, die Händler können es (noch) nicht. Oder wollen es (noch) nicht, weil sie ja ihre eigenes, kostspieliges Filialnetz nicht überflüssig machen können. Wie die Möbelhändler auch. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
 Im Prinzip sind sie auf diesem Feld (noch) chancenlos. Aber sowas kann ein großer Mann wie Gehrig niemals sagen, also sagt er: "Bei neuen Trends muss man nicht immer der erste sein." Und: "Da läuft uns nichts weg." 

König Artus macht den Ritter platt

Der Schwarze Ritter hatte auch gedacht, dass er auch mit König Artus leicht fertig wird, weil er ja mit seinem Schwert zuvor zig andere Kontrahenten niedermachen konnte. 

Ob sich Gehrig und all die anderen, die Trends eher abwarten als sie setzen, so ein Verhalten noch leisten können, ist eine Grundsatzfrage. Bei Media-Saturn können sie Geschichten davon erzählen, wie es ist, wenn man den Onlinehandel einst "ein bisschen verschlafen hatte", wie es der Digitalchef Martin Wild einmal zugab.

In den Regalen der Großen Vier

Nun hat der Lebensmitteleinzelhandel seinen Markt noch im Griff, das Geschäft wird vor allem von den Großen Vier bestimmt - Rewe, Edeka, Aldi und eben der Lidl-Schwarz-Gruppe. Und das Quartett könnte dann dafür sorgen, dass die Hersteller sich daran halten und ihre Joghurts und Fertigpizzas nicht auch bei diesem Wettbewerber anbieten, dessen Name nicht gerne genannt. "Anderfalls müssten wir dann nochmal über neue Einkaufspreise oder Regalpositionen bei uns reden. Oder wollen Sie etwa auch, dass wir von Ihnen höhere Werbekostenzuschüsse verlangen?" 

Und zack, wären die Joghurts nicht bei Amazon fresh im Sortiment, sondern dort, wo sie aus Sicht der Großen Vier hingehören: In den Regalen der Großen Vier. 

Konsum? Braucht bald keiner mehr

Wer so denkt, denkt auch, dass immer alles so bleibt, wie es ist. Und wer so handelt, bleibt dann auch da, wo er war. 
Doch wer sagt denn, dass die Menschen dauerhaft klassischen Handel noch wollen - oder gar brauchen? "Wir befinden uns am Anfang einer Transformationsphase, die zur 'Entortung' des Konsums führt", haben die Autoren des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Instituts in einer aktuellen Studie geschrieben, die den Titel trägt: "Das Ende des Konsums - Wenn Daten den Handel überflüssig machen".  

Die Schweizer Handelsforscher haben untersucht, wie sich der Handel in den nächsten dreißig Jahren entwickeln wird. Drei Jahrzehnte Vorschau - das ist gewagt, weil heutzutage schon in fünf Jahren mehr passiert, als man sich noch vor fünf Jahren vorstellen konnte. 

Aber gut, warum nicht mal das große Rad drehen?

Es gebe eine Verschiebung vom Besitzen zum Nutzen, heißt es. Beispiel: Musik musste man sich früher auf einer CD gepresst in einem Laden kaufen, heute hört man sie per Streamingdienste wie Spotify. DVD kaufen auch nur noch wenige, um Filme zu gucken - dafür gibt es heute Netflix. Und wenn Tesla ankündigt, seine Elektroautos nur noch übers Internet verkaufen zu wollen, um Kosten für die Läden einzusparen, dann ist das auch ein Zeichen für den sich ändernden Handel. Um sechs Prozent sollen seine Autos dadurch billiger werden, sagt Unternehmenschef Elon Musk.

Produkte, Läden, Handel - gibts so alles bald nicht mehr

"Der technologische Fortschritt wird die gesamte Wertschöpfungskette transformieren. Von Mixed Realities und dem Internet der Dinge über Künstliche Intelligenz bis zur Neurotechnologie konfigurieren neue Treiber den Konsum um. Von dem, was wir heute als Produkte, als Läden und als Handel kennen, wird dereinst nicht mehr viel übrig sein. Zwar werden Menschen weiterhin physische Grundbedürfnisse durch Waren befriedigen. Doch die Art, wie Begehrlichkeit für diese Waren geweckt, durch welche Lieferkette sie geschleust werden und wie sie zum Konsumenten gelangen, verändert sich grundlegend", liest man in der GDI-Studie.
© etailment
 Mag der Dash-Button von Amazon, Sackgasse der technischen Evolution, nun auch beerdigt sein - aufhalten lässt sich die Vernetzung nicht. Kühlschränke, Waschmaschinen oder sonstige Haushaltsgeräte messen den Verbrauch von Produkten und senden die Daten an die Hersteller, die dann irgendeinen Lieferweg zum Konsumenten finden. Entweder über eine Onlineplattform - oder per eigener Lieferkette. 

Wozu brauchen die Kunden künftig noch Lidl, wenn sie das Toilettenpapier auch direkt von Zewa bekommen können? 

Was bringt mir der Besitz?

Und noch etwas schreiben die Schweizer Handels-Seher: Die meisten Menschen in der westlichen Welt leben im Warenüberfluss. Die Folge: "Im Zeitalter des 'Peak Stuff' werden wir vermehrt den Shift vom Besitzen zum Nutzen sehen. Zugang zu intelligenten Services und immersiven (universellen) Erlebnissen zu tiefen Preisen."

Was mit Warenüberfluss gemeint ist, erklärt ein Blick in unser aller Kleiderschränke, wo so viel Textil hängt, das man sich damit über Jahre abwechslungsreich kleiden kann. Das spürt beispielsweise ein früherer Großmeister des Modemarktes, Esprit, der gerade heftige Verluste bekannt geben musste und hofft, dass ihn die Schließung defizitärer Läden wieder aufpäppeln wird. 

Babywickeln bei Edeka

Was die Schweizer prognostizieren, sollten Händler ernst nehmen. Wer sich nur über Produkte definieren will, wird scheitern, denn Produkte gibt es jederzeit, überall in Hülle und Fülle. Händler, die übrig bleiben wollen, müssen eben mehr bieten - aber es darf halt nicht viel kosten. Kompliziert, aber so wird es wohl kommen. 
Wickelkommode bei Edeka F21
© Miniwim
Wickelkommode bei Edeka F21
Das Wort "Erlebnis" ist halt immer schnell dahergesagt. Doch was für eines?

Vorige Woche visionierten wir hier im Rahmen des Online-Hebammen-Services von dm-Drogeriemarkt von Gebärstationen in der Drogerie. Vielleicht ist ein Baby-Wickelraum im Supermarkt nur die Vorstufe dorthin. Im schicken Münchner Edeka F21 in der Fürstenrieder Straße Nummer 21 gibts das nämlich mittlerweile auch.

Fortschritt aus der Wickelkommodentechnik

Gewiss, andernorts werden innenarchitektonisch größere Maßstäbe gesetzt, bei Ikea, etwa. Aber dafür bietet F21 Fortschrittliches aus der Wickelkommodentechnik, die das Kindlein rundum (also auch vorne) vorm Runterfallen schützt, wenn die Mutter mal schnell nach den Geschwistern greifen muss, wenn die vom Wickeln-zu-gucken gelangweilt sind und nach Disziplinierung schreien.

Und noch etwas kommt auf den Einzelhandel zu: Der Verbraucher sorgt sich immer mehr um sein Leben und um das um ihn herum. Wenn der US-amerikanische Lebensmittelhersteller Kraft dieser Tage seine Milliarden-Verluste damit begründete, dass die Kunden neuerdings lieber gesundes Essen essen, dann darf man sich erstens fragen, warum den Kunden das jetzt erst einfällt, und zweitens, was ihnen dann bisher von Kraft verkauft wurde.

Zucker? Das kann teuer werden!

Rewe hatte ja im vorigen Jahr angekündigt, bei den Eigenmarken den Zuckeranteil zu senken. Das klang nach Gesundheit, könnte aber auch betriebswirtschaftlich getriggert sein. Denn wenn nämlich die Zuckersteuer aus Großbritannien eines Tages auch nach Deutschland importiert wird, wird es teuer.

Das wird es vielleicht auch, wenn die Handelsbranche nicht von Olga Witt lernt. Die verkauft in ihren beiden Kölner Läden "Tante Olga" so viel unverpackte Lebensmittel wie möglich. Kampf dem Plastikmüll. Und deswegen war sie auch mit dabei, als sich am Mittwoch Handel und Industrie bei Bundesumweltministerin Svenja Schulze trafen, um Ideen gegen den Plastikirrsinn zu sammeln.

Befreit die Gurke

Zum Glück gibt es ja unsere Freunde in Neckarsulm. Kaufland verkündete nämlich mit gutem Timing ebenfalls am Mittwoch, dass man ab Freitag (1. März) Salatgurken nur noch ohne Plastikfolie verkaufen wolle.

Wenn man irgendwann fragen wird, wie die Rettung der Welt begonnen hat, dann gibt es die Antwort: mit einer Gurke.

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