2019 wird ISDN abgeklemmt. Der Modefilialist Liberty hat seine Infrastruktur frühzeitig umgestellt. Wer All-IP bisher verschlafen hat, für den wird es allerdings heikel. Denn gerade im Handel laufen viele Sonderanwendungen über das alte Telefonnetz.

„Alte Technik macht der neuen Platz“, hieß es im Jahr 1992 in einem Werbefilm über das Integrierte Sprach- und Datennetz, kurz ISDN. Und so wird es auch Ende dieses Jahres sein, wenn die Telekom das ISDN-Netz nach fast 30 Jahren endgültig abschaltet und ausschließlich auf „All-IP“ setzt. 

Die Telekom stellt die bisherigen Übertragungstechniken in Telekommunikationsnetzen auf die Basis des Internet-Protokolls (IP) um. Dienste wie Telefonie, Fernsehen und Mobilfunk werden somit ab dem 1. Januar 2019 nicht mehr über die klassischen Leitungen übertragen, sondern mithilfe des in Computer-Netzen weitverbreitenden Netzwerkprotokolls bereitgestellt. Da andere Anbieter die „letzte Meile“ bei der Telekom mieten, sind alle Unternehmen in Deutschland von der ISDN-Abschaltung betroffen. Der Übergang zu All-IP ist also „alternativlos“.

Modefilialist Liberty wollte alte Telefonanlage behalten

„Wir wurden 2015 von der Deutschen Telekom darüber informiert, dass im Jahr darauf 51 unserer mehr als 100 Filialen von ISDN-Telefonanschlüssen auf IP-basierte Anschlüsse umgestellt würden“, berichtet Klaus Klostermann, IT-Leiter bei der Liberty Damenmoden GmbH mit Sitz im ostwestfälischen Lübbecke. Also setzte sich der Modefilialist intensiv mit dem Thema All-IP auseinander.

Die bestehende Telefonie-Infrastruktur aus ISDN-Telefonanlage, Fax-Gerät und analogem Telefon sollte weiter genutzt werden. „Uns wurde schnell klar, dass wir die bisherigen Router in den Filialen ersetzen mussten. Nur so konnten wir eine Kompatibilität mit den All-IP-Anschlüssen gewährleisten und gleichzeitig die bestehenden Telefonanlagen und Fax-Geräte weiter nutzen.“ 

Der IT-Leiter entschied sich für die VPN-Router des Netzwerkspezialisten Lancom Systems, die Betreuung des Filialisten übernahm die Sievers-Group aus Osnabrück. Im Vorfeld der All-IP-Umstellung wurden in den Filialen die neuen Router implementiert. Bis zu dem Tag, an dem der Provider die Umstellung von ISDN auf IP veranlasste, liefen die Telefonanlagen und Fax-Geräte über den bisherigen ISDN-Anschluss. „Am Tag X haben wir von der Zentrale aus die neuen Zugangsdaten für den IP-Anschluss eingepflegt. In den Filialen wurde die ISDN-Telekommunikationsanlage über den ISDN-Port des Routers angebunden“, erläutert Klostermann. „Das lief frei von Störungen ab und funktioniert bis heute einwandfrei.“


Kassen und Warenwirtschaft über den Router angebunden

Neben den ISDN-Telefonanlagen und Fax-Geräten sind – wie in vielen Handelsunternehmen – auch die Kassensysteme in den Filialen an die Router angeschlossen. Über das Netzwerk werden beispielsweise aktuelle Umsatzdaten an die Zentrale gesendet und Bestandszahlen mit dem Warenwirtschaftssystem abgeglichen. „Die Kassensysteme hatten wir schon vorher über Router angebunden. Hier konnten wir problemlos auf die neuen Modelle wechseln“, so Klostermann. 
Erfahrungen mit der Umstellung
© Lancom Systems
Erfahrungen mit der Umstellung
Der „normale Internetverkehr“ läuft ebenfalls über den Router, die Mitarbeiter in den Filialen greifen darüber auf das Intranet und das Unternehmensnetz der Liberty Damenmoden zu. Der gesamte Datenverkehr läuft am Hauptsitz in Lübbecke zusammen; dort steht ein VPN-Gateway, ein Vermittlungsgerät für das virtuelle private Kommunikationsnetz, als Gegenstelle.

IP-Netz bringt administrative Vorteile mit sich

Durch die neuen sprachfähigen Voice-over-IP- (VoIP)-Router konnte der Mode-Filialist die Telefonanschlüsse internetfähig machen. „Die Router haben uns die zusätzlichen Kosten für neue Telefonanlagen erspart“, sagt Klostermann. „Das wäre bei rund 100 Standorten ein erheblicher Kostenfaktor geworden.“ 

So ein IP-Netz bringt seiner Erfahrung nach außerdem administrative Vorteile mit sich: Im Falle eines Falles kann ein Techniker in der Zentrale über den Router direkt die Funktion der Telefonanlage prüfen und Störungen eingrenzen oder beheben. „Unsere restlichen mehr als 50 Filialen haben wir ebenfalls im Laufe des Jahres umgestellt. Aufgrund der guten Erfahrungen konnten wir dem Wechsel dort gelassen entgegenblicken“, berichtet Klostermann.


MEHR ZUM THEMA

Patrick Molck-Ude
© Der Handel/Christoph Seelbach
Telekommunikation

„Digitalisierung fängt klein an“


Der Kassenhersteller NCR feiert auf der EuroCIS den 20. Geburtstag der Selbstbedienungskasse
© NCR
Zahlsysteme

Alte Kassen, neue Funktionen


Immer mehr Anwendungen, immer mehr Daten: Handelsunternehmer müssen die unterschiedlichsten Prozesse steuern.
© Siegfried Fries / pixelio.de
Technik

ERP – so bleibt Digitalisierung des Handels nicht nur ein Wort