Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, das gewohnte Einkaufserlebnis grundlegend zu verändern – es wird persönlicher und effizienter. Von Sephora bis Lidl: Wir zeigen zehn Anwendungen aus dem Einzelhandel, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ihre Kunden den Einkauf erleichtern wollen.

Apps sind eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen Marken sowie Händlern und ihren potenziellen Kunden. Hier lässt sich mit Hilfe künstlicher Intelligenz Kommunikation so personalisieren, dass diese für den Konsumenten relevant wird. Damit steigt nicht nur die Kundenzufriedenheit, sondern auch der Umsatz.

Für den Handel sei KI „das mit Abstand wichtigste technologische Zukunftsthema“, hieß es im jüngst vom EHI Retail Institut gemeinsam mit Microsoft veröffentlichten zweiten Teil des Whitepapers zum Thema „Smart Store“.
Dabei ist die Beschäftigung mit KI durchaus in der Praxis angekommen: So setzen 32 Prozent der am EHI-Panel beteiligten Firmen KI bereits heute ein, 36 Prozent planen die konkrete Anwendung für die nächsten Jahre.

Supermarktkette Kroger: Einkaufen passend zur Diätvorgabe

Die US-Supermarktkette Kroger etwa führt ihre Kunden gezielt zu den Produkten des Einkaufszettels und hilft, diese individuell - beispielsweise zu Diätvorgaben passend - auszuwählen.
Kommt der Kunde an einem Produkt vorbei, das auf seinem Einkaufszettel steht, leuchtet auf dem digitalen Display ein vorher ausgewähltes Zeichen - zum Beispiel ein Kürbis - auf.
© Kroger
Kommt der Kunde an einem Produkt vorbei, das auf seinem Einkaufszettel steht, leuchtet auf dem digitalen Display ein vorher ausgewähltes Zeichen - zum Beispiel ein Kürbis - auf.
Hierbei kommunizieren die digitalen Preisschilder der Regale mit den Smartphones der Kunden, auf denen unter anderem Nährstoffinformationen, Video-Werbung und Coupons angezeigt werden können. Werden die in den Einkaufswagen gelegten Produkte mit dem Smartphone gescannt, kann die normale Kasse umgangen werden.

Bonprix: Kleidung in die Garderobe bestellen

Die Otto-Bekleidungstochter Bonprix hat eine App entwickelt, die die Kauferfahrung im Geschäft mit den Vorteilen des Einkaufens über das Smartphone verknüpft, wofür die auf Handel und Customer Experience spezialisierte US-Plattform PSFK den Begriff „phygital“ kreiert hat.

Der Kunden checkt beim Betreten des Hamburger Pilot-Ladens über die App ein. Gefällt ein Kleidungsstück, kann dieses in der gewünschten Größe zum Anprobieren in die Kabine bestellt werden. Dort kann das Stück dann mit Hilfe eines Beraters um andere Teile ergänzt werden. Die Bezahlung kann über die App erfolgen.

Bonprix-Laden: Einkaufen per Smartphone


Preisermittlung mit Hilfe von Wetterdaten und Feiertagen

Hat diese Anwendung die Steigerung der Kundenzufriedenheit im Fokus, so optimiert eine andere die Bonprix-Preisgestaltung: Hierbei werden externe Informationen wie zum Beispiel Wetterdaten, Feiertage oder Schulferien sowie interne Daten wie Abverkaufshistorien und Kundenverhalten, aktuelle CRM-Daten sowie weitere Informationen herangezogen, um den optimalen Preis zu ermitteln.
Foto: v.l.n.r.: Michael Gerling, Geschäftsfüher EHI, Ansgar Thiede, Dunja Riehemann - beide Blue Yonder, Florian Rüffer - Bonprix / Blue Yonder
© Fashion United
Foto: v.l.n.r.: Michael Gerling, Geschäftsfüher EHI, Ansgar Thiede, Dunja Riehemann - beide Blue Yonder, Florian Rüffer - Bonprix / Blue Yonder
Auch länderspezifische Eigenheiten wie Preiselastizität, Kosten und Lagerbestände spielten eine Rolle, berichtet Fashionunited.de anlässlich der Preisvergabe des Retail Technology Award Europe, den Bonprix gemeinsam mit dem KI-Spezialisten Blue Yonder erhalten hat.

Basierend auf diesen Informationen ermittele die KI-Lösung automatisch den aktuell besten Preis für ein Produkt. Innerhalb eines Jahres habe Bonprix die Lösung in sechs seiner wichtigsten Märkte ausgerollt.

Foto machen, Kleidungsstück finden

Wenn man früher irgendwo im Alltag ein Kleidungsstück sah, das einem gefiel, musste man direkt fragen, wo es gekauft worden war. Mit KI braucht man heute nur noch ein Bild zu machen: „See it, snap it, own it!“ lautet der Claim der Kampagne, mit der der Modehändler Hammerson seinen Style Seeker propagiert.

Wer ein Kleid oder eine Jacke fotografiert, kann über die Bilderkennung der App vielleicht sogar das Modell, zumindest jedoch etwas ähnliches finden. Auf Basis der Treffer und in Kombination mit hierzu passenden Accessoires lassen sich so binnen weniger Minuten neue individuelle Looks finden.

Marks & Spencer erspart Kunden Suche durch das Sortiment

Bei der britischen Kult-Marke Marks & Spencer sind mobile Geräte bereits an 75 % des Online-Traffics beteiligt. Versteht sich, dass der Händler bei seinen Innovationen diesen Kundenkreis im Fokus hat.

Marken haben heutzutage eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Informationen zu sammeln und zu analysieren. Künftig kommt es darauf an, wie Unternehmen diese Möglichkeiten nutzen und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen.
© Urheber: zapp2photo - fotolia.com
Marken haben heutzutage eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Informationen zu sammeln und zu analysieren. Künftig kommt es darauf an, wie Unternehmen diese Möglichkeiten nutzen und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen.
Die „Style Finder“ genannte App mit Bilderkennung bietet dieser Zielgruppe ein neues Konsumerlebnis: „Style Finder hilft, sofort zu finden, wonach Sie Ausschau halten. Und zwar ohne manuelle Suche durch all unsere Produkte“, zitiert die TextilWirtschaft Jim Cruickshank, Head of Digital Product and User Experience (UX) bei Marks & Spencer.

Kunden können Fotos hochladen oder mit der Smartphone-Kamera ein Foto von einem Produkt aufnehmen und über Bilderkennung ähnliche Waren bei Marks & Spencer suchen.

So funktioniert der Style Seeker von Hammerson

Interaktive Umkleidekabinen bei American Eagle helfen beim Datensammeln

Die Bekleidungsmarke American Eagle hat in einigen ihrer Flagship Stores interaktive Umkleidekabinen eingerichtet.

Diese sind mit Aila-Technologie ausgestattet, die Kunden ermöglicht, mit ihrem iPhone beziehungsweise iPad Produkte zu scannen, von Verkäufern andere Größen zu erbitten, Produktempfehlungen zu erhalten und den Überblick über die Summe der im virtuellen Warenkorb befindlichen Stücke zu behalten – ohne die Kabine verlassen zu müssen. Darüber hinaus kann American Eagle Daten über den Kunden, seine Vorlieben und sein Kaufverhalten sammeln.

Sephora: Hautscanner hilft bei Make Up-Wahl

Auch bei der Suche nach passender Kosmetik hat die Digitalisierung neue Möglichkeiten eröffnet: Sephora hilft, das perfekte Make Up zu finden, ohne dass hierzu das vielfache Auftragen unterschiedlicher Tönungen erforderlich ist. Sephora-Verkäufer können die Gesichter ihrer Kunden mit einem kleinen Gerät scannen, das den genauen Hautton bestimmt und diesen mit Farben des Sephora-Sortiments abgleicht.

Virtual Reality Showroom von Ikea Deutschland
© Demodern.de / Ikea
Zukunftstechnologien

8 neue Welten, die Händler entdecken sollten

Das Ergebnis ist ein vierstelliger Code, der Color IQ des Kunden, mit dem die passende Grundierung sowie Abdeckfarben gefunden werden. Lip IQ verfährt analog bei der Wahl des Lippenstiftes. Wird dieser Code im Kundenbindungsprogramm Beauty Insider aufgenommen, kann er automatisch bei der Suche nach Produkten für Haut und Lippen genutzt werden.

Seit das Programm vor bereits sieben Jahren gestartet wurde, hat Sephora für 14 Millionen Kunden Color IQs definiert. 

Styleberatung per WhatsApp bei Zalon

Zalon (der Curated Shopping Handel von Zalando) bietet eine individuelle Styleberatung kostenlos per WhatsApp Messenger an. In der Capgemini-Studie „Mobile Apps im Einzelhandel“ wird der Prozess so beschrieben: „Der Kunde kann zum Beispiel sein Foto per WhatsApp schicken, woraufhin der Stylist individuelle Tipps geben oder einen Produktvorschlag per Foto senden kann.

Während der Kunde von einer persönlichen Beratung profitiert, erlaubt dies dem Händler wichtige Kundeninformationen zu sammeln und die Kundenansprache in Zukunft noch individueller zuzuschneiden. Diese individuelle Beratung wird bei Zalando durch den auf maschinellem Lernen basierenden Algorithmic Fashion Companion (AFC) ergänzt.
Zalon: Kuratierte und persönliche Boxen mit Outfit-Optionen, zusammengestellt von Stylisten.
© Zalando SE/Federico Reyes Nieto
Zalon: Kuratierte und persönliche Boxen mit Outfit-Optionen, zusammengestellt von Stylisten.
"Mit AFC können wir eine skalierbare Echtzeit-Empfehlung von Outfits für unsere Kunden anbieten. Entweder basierend auf einem Artikel, den sie gekauft und behalten haben, oder basierend auf Artikel in ihrer Wunschliste", erläutert James Healey, Vice President Inspire & Engage bei Zalando, einen der zentralen Vorteile des KI-Einsatzes. "Jede Outfit-Empfehlung ist personalisiert, das heißt, sie spiegelt Kundenpräferenzen wie Marke, Farbe oder Kategorie wider."

Mobiles Self-Scanning bei Edeka und Knauber

Mobiles Self-Scanning ist in Deutschland bislang erst punktuell zu finden. So können bei einigen Edeka-Händlern (unter anderem Edeka Paschmann in Mühlheim) Kunden mit der App beim Gang durch den Supermarkt die Produkte mit ihrem eigenen Smartphone einscannen und gleich in der Einkaufstasche verstauen.

Am Ende des Einkaufs erzeugt die App einen QR-Code, den der Kunde an der SB-Kasse zur Bezahlung einscannt.

Der Bau- und Freizeitmarkt-Betreiber Knauber lässt seine Kunden über seine App "Sellfio", eine digitale Kundenkarte mit Scan&Go-Funktion, ihre Wunschartikel per Handy-Kamera scannen und an "Express-Kassen" bezahlen. In den Niederlanden bietet Albert Hejin diese Methode des Check-Outs an, wahlweise mit und ohne App. 

Amazon Go-Konzept: Nichts für große Supermärkte

Noch einen Schritt weiter geht Amazon. Beim Betreten des Experimental-Marktes Amazon Go muss sich der Kunde nur kurz mit seinem Smartphone einloggen, dann kann er einpacken, was er möchte, und den Laden einfach wieder verlassen. Mittels Sensoren und Kameras wird erfasst, was der Kunde anfasst, mitnimmt, zurücklegt. Wird der Laden verlassen, wird das Amazon-Konto entsprechend belastet.


Oprative Prozesse: Smart im Hintergrund
© Alexander Limbach - Fotolia.com
KI und IoT

Smarte Technologien für operative Prozesse

Das Beispiel von Amazon Go ist zwar in aller Munde, für Pentland Firth Software war es jedoch schlicht praxisfern: Amazon Go sei wesentlich kleiner, als die üblichen Supermärkte, eher auf junge Singles ausgerichtet denn auf große Familien, schließlich stehe die Technologie ausschließlich Amazon zur Verfügung.

Intelligenter Einkaufswagen hilft beim schnellen Checkout

Und so entwickelte der Anbieter den mit Sensorik und IoT-Cloud-Anbindung ausgerüsteteten Einkaufswagen Whiz-Cart entwickelt, einer der Best Cases im Teil 2 des EHI-Whitepapers "Smart Store".

"Er bietet über die Interaktion mit einer App auf dem Kunden-Smartphone Funktionen wie die Erstellung teilbarer Einkaufslisten vor dem Einkauf, in der Filiale die entsprechende Instore-Navigation zu den gelisteten Artikeln sowie das Auffinden weiterer Artikel und den schnellen Checkout an der Kasse." Als "Easy Shopper" ist der Whiz-Cart im Edeka-Center Porta Westfalica in Minden im Einsatz.

Loyalty-System für mehr Umsatz und größere Warenkörbe

Und schließlich soll in dieser Übersicht von Apps und KI im Einzelhandel noch die Wandlung des Smartphones in eine digitale Kundenkarte Erwähnung finden: Nachdem Lidl sein Loyalty-System "Lidl Plus" bereits in Österreich, Dänemark, Polen, Spanien und den USA einsetzt, kommt dieses jetzt auch nach Deutschland, wie die Lebensmittel Zeitung (LZ) Anfang Mai berichtete.

Lidl Plus in Österreich

Zunächst nur als Test in Berlin und Brandenburg für „Mitarbeiter und Freunde“, will Lidl künftig auch seinen deutschen Kunden unter anderem Preisvorteile für ausgewählte Artikel bieten sowie auf den Nutzer und sein jeweiliges Einkaufsverhalten zugeschnittene Angebote machen.

Was, so kommentiert die LZ, durchaus im Sinne des Erfinders sein: „Diese personalisierte Form der Kundenansprache verspricht wiederum größere Warenkörbe und höhere Umsätze.“

MEHR ZUM THEMA: 

Die Unterhose eines Mannes - muss auch zur Couch passen.
© Fotolia / Markus Hofmann
Die Woche im Handel

Warum Künstliche Intelligenz dümmer ist als Kurt Cobain


Es muss transparent sein, ob man mit einem Mensch oder einem Algorithmus redet. Das fordert Lothar Schröder.
© Lothar Schröder
Podcast

So will Verdi die Künstliche Intelligenz kontrollieren


Roboter des Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen
© Max-Planck-Institut
Künstliche Intelligenz

Schluss mit dem Buzzword-Bingo zu KI im Handel