Franz Bättig ist in der Schweiz ein Großmeister bei der Diebstahlsbekämpfung. Der frühere Zürcher Kantonspolizist hat bei Langfingern immer die gleichen Verhaltensmuster analysiert, die es Personal in Läden leicht macht, Gauner zu stellen. Für Bättig ist dieses Wissen aber auch ein Fluch, denn seine Augen haben nie Feierabend. 

Ein guter Polizist ist immer im Einsatz. Egal wo. Vor einigen Jahren war Franz Bättig mit seiner Frau für ein paar Tage Urlaub in London, und bei so einem Städtetrip gehört ein Einkaufsbummel zum Pflichtprogramm. Erst recht, wenn man Schweizer ist, denn für einen Eidgenossen ist die britische Hauptstadt längst nicht so teuer wie für die meisten anderen Europäer. Im Prinzip fühlt er sich wie daheim.

Die Bättigs bogen also ein ins "Harrods", dem berühmtesten Warenhaus Londons, ein Ort, der für gediegenes Einkaufen steht. Aber weil Bättig eben Polizist ist und sich daheim in Zürich vor allem mit Diebstahl beschäftigt, hat er auch beim Einkauf im Urlaub einen wachen Blick. Bättig erkennt einen potenziellen Täter, bevor dieser zuschlägt.

Bei Harrods dem Täter auf der Spur

Und so war es auch nach wenigen Minuten bei "Harrods". Da war ein Mann, der sich nicht wie ein normaler Kunde verhielt. Bättig spürte sofort: Mimik und Gestik des Mannes sind verdächtig. Das Herumschleichen, das Spähen - all das wirkte auffällig. Also sagte Bättig zu seiner Frau: Den Kerl behalten wir im Auge. Sie gingen ihm also in gebotenem Abstand hinterher - und beobachteten, wie der Gauner ein Bekleidungsstück nach dem anderen in eine Tüte stopfte.

So ging es minutenlang, bis der Mann sich dem Ausgang nähern wollte. Doch vorher hatte der wachsame Herr Bättig schon das Sicherheitspersonal von "Harrods" informiert - und deswegen endete für den Ladendieb sein Kaufhausbesuch anders, als erwartet.

"Ich kann nicht wegsehen"

Nein, sagt Franz Bättig, "ich kann nicht wegsehen", denn er ist so tief drin in der Materie Diebstahl und in der Schweiz ein Großmeister in diesem Thema, dass er so gut wie nie abschalten kann. Deswegen überführt er nebenbei auch mal in Lissabon Taschendiebe oder auf Gran Canaria Einbrecher. Bättig war bis November 2018 Chef der Regionalpolizei im Kanton Zürich, zuletzt im Range eines Offiziers.

Heute arbeitet er der in der Aus- und Weiterbildung für die Schweizerische Berufsschule Sicherheit (SBSS), einer Tochtergesellschaft der des Sicherheitsdienstleisters Securitas. Und er reist auch als Aufklärer durch die Lande, so etwa auch beim Sicherheitskongress des EHI Retail Institute am Dienstag in Köln. "Wie Täter vor der Tat erkannt werden können" ist sein Thema an diesem Tag, und was er da erzählt, ist wie eine Bedienungsanleitung für die Vermeidung von Ladendiebstahl. Denn die Verhaltensmuster der Gauner sind immer gleich. Wer das einmal gelernt hat, kann sein Geschäft vor unliebsamen Warenschwund schützen. Das ist vor allem für Onliner interessant, die sich mit eigenen stationären Läden versuchen - und mit dem Thema Ladendiebstahl bisher keine Erfahrungen sammeln konnten.

Für Bättig gibt es bei einem Ladendiebstahl drei Phasen:

1. In der Vortat-Phase betreten die Täter den Laden und verschaffen sich zunächst einen Überlick. Geklärt wird: Wie viele Mitarbeiter sind hier beschäftigt? Gibt es Sicherheitspersonal? Gibt es Videoanlagen? Welches attraktive Diebesgut gibt es und wie ist es gesichert? Danach wird sich verbald oder nonverbal abgestimmt, wie man weiter vorgeht, eventuell wird dafür der Laden nochmal verlassen.

2. Die Tat-Phase beginnt mit einem kurzen Kontrollblick um sich zu vergewissern, ob "die Luft rein ist". Die Täter sind nun hoch konzentriert auf das eigene Verhalten haben einen "Röhrenblick", wie Bättig es nennt. In Deutschland meint man damit den "Tunnelblick". Die Tat-Phase dauert meist nicht lange. Der Ablauf des Diebstahls ist von Personal oder anderen Kunden nur schwer wahrnehmbar, weil die Täter im Verborgenen oder mit einer Abdeckung (Jacke, Pullover) arbeiten.

3. In der Phase nach der Tat entfernen sich die Täter rasch vom Laden, sie werfen dabei aber auffällige Blicke zurück. Die Mitglieder einer Bande treffen sich, die Beute wird übergeben und weitergereicht. 

Polizist Bättig: Immer im Einsatz
© privat
Polizist Bättig: Immer im Einsatz
Soviel um Prozess. Ein potenzieller Dieb lässt sich aber auch anderweitig gut erkennen, hat Franz Bättig aufgelistet. Beispielsweise über die Kleidung, sozusagen der Arbeitsanzug eines Langfingers. Ein Anzug, der zu groß oder zu klein ist, sieht immer komisch aus. Auch das Missverhältnis schöner Anzug, aber schmutzige Schuhe wirkt verdächtig. Genauso, wenn verschiedene Kleidungsstile miteinander vermischt werden.

Und es gibt Tarnkleidung und -utensilien: Mützen, Hüte, Schal im Gesicht, Perücke und selbstverständlich Sonnen- und Tarnbrillen. Wenn Mitarbeiter beobachten sollten, dass jemand vor Betreten des Ladens seine Kleidung deutlich verändert, dann sollten alle in Alarmbereitschaft sein, mahnt Kantonspolizist Bättig.

Verschiedene Tätergruppen, verschiedenes Verhalten

Es gibt allerdings auch verschiedene Tätergruppen, die sich unterschiedlich verhalten. Ein Berufskrimineller ist gut vorbereitet, verfügt immer über Handlungs-Alternativen und agiert ruhig, abgeklärt und professionell. Der Anfänger hingegen ist nervös, unsicher und damit auffällig. Die Mittel seiner Tat sind beschränkt. Der Suchtkranke wiederum ist ebenfalls nervös und auffällig, aber auch unberechenbar, ängstlich unsicher. Her hat keine Tatmittel. Meint: Er hat keinen Plan, keine Strategie. 

Die Kantonspolizei Zürich arbeitet bei der Diebstahlbekämpfung (egal ob in Läden oder auf Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen) nach dem System Aspect, das steht für: Analysing Suspicious Persons and Cognitiv Training. Gemeinsam mit Psychologen der Universität wurde vor zehn Jahren ein Ausbildungsprogramm entwickelt, das Polizisten und Polizistinnen in die Lage versetzt, verdächtiges Verhalten und verdächtige Situationen leichter zu erkennen. "Selbstverständlich eignet sich diese Aus- und Weiterbildung auch für Sicherheitspersonal im Einzelhandel", sagt Bättig.

Die wenigsten Fälle werden aufgedeckt

Das klingt, als ob es Ladendiebe in der Schweiz schwer hätten. Nun ja. Im vergangenen Jahr gab es hier 3.787 Diebstähle, 2017 waren es 3.729 Fälle - also die, die ermittelt wurden. Das ist eigentlich nicht viel, denn Franz Bättig sagt, dass nur jeder zweihundertste Diebstahl entdeckt wird. Er und seine Kollegen müssen also weiterhin sehr wachsam sein. Vielleicht auch in ihrer Freizeit.

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