Bei den Vorreitern in Handel und Industrie ist Nachhaltigkeit schon jetzt in allen Geschäftsbereichen ein Thema. Sechs Schritte zeigen, wie auch kleine und mittlere Unternehmen Klimaschutz erfolgreich implementieren.

Die Diskussion um den Klimaschutz ist von globalen Krisen und großen Schlagworten geprägt. Nachhaltigkeit im Unternehmen dagegen fängt ganz bodenständig an. Die folgenden sechs Schritte zeigen, wie ein erfolgreicher Start gelingt.

1. Verantwortung in der Geschäftsleitung verankern

Ein Thema mit dieser strategischen Relevanz ist in Unternehmen, die es damit ernst meinen, in der Geschäftsführung verankert. Sie stößt das Vorhaben an, entscheidet über die notwendigen Strukturen, stellt die erforderlichen Ressourcen bereit und gewährleistet, dass der Klimaschutz umgesetzt wird.

Wenn das Vorhaben einmal auf dem Weg ist, werden zwangsläufig Zielkonflikte entstehen. In solchen Fällen entscheidet die Geschäftsführung, welcher Weg weitergegangen wird. Neben der praktischen Bedeutung der Verankerung von Klimaschutz-Verantwortung auf Geschäftsführungsebene kann die Symbolkraft dieser Entscheidung gar nicht stark genug eingeschätzt werden. Wenn die Geschäftsführung sich den Klimaschutz auf die Fahnen schreibt, unterstreicht das intern wie extern die Ernsthaftigkeit des Vorhabens.
Wenn Nachhaltigkeitsthemen in der Geschäftsführung verankert sind, unterstreicht dies intern wie extern die Ernsthaftigkeit des Vorhabens.
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Wenn Nachhaltigkeitsthemen in der Geschäftsführung verankert sind, unterstreicht dies intern wie extern die Ernsthaftigkeit des Vorhabens.

2. Organisatorische Strukturen schaffen

Für den Klimaschutz verantwortlich zu sein bedeutet nicht, dass die Geschäftsführung ihn auch operativ begleitet. Dafür können ein oder mehrere Klimaschutzbeauftragte benannt werden. Sie koordinieren die Klimaschutzbemühungen des Unternehmens, dokumentieren die Projekte, Fortschritte und Probleme, vermitteln Wissen, sorgen für Austausch, geben Impulse und bereiten übergreifende Entscheidungen vor. Außerdem stehen sie als Ansprechstelle den Geschäftsbereichen und der Geschäftsführung zur Verfügung.

Die Koordinierung kann in einer Stabsstelle der Geschäftsführung angesiedelt werden. Das ist aber keine Zwangsläufigkeit. In manchen Unternehmen bietet es sich an, Kolleginnen und Kollegen zu betrauen, die mit den Themen Energie- und Ressourceneffizienz in besonderer Weise vertraut sind. In anderen gibt es Menschen, die sich im Projektmanagement besonders hervorgetan haben oder denen Klimaschutz ein Anliegen ist. Hier kommt es auf die jeweiligen Gegebenheiten an.
Dass der Klimaschutz zentral koordiniert wird, bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass diese Personen allein für die Umsetzung zuständig sind. Klimaschutz im Unternehmen ist ein Gemeinschaftsprojekt und kann nur gelingen, wenn sämtliche Bereiche beteiligt sind. Daraus folgt, dass die Verantwortung in die Bereiche delegiert wird und dort Zuständige festgelegt werden. Sie müssen sich letztlich an ihren Ergebnissen messen lassen.

Umweltmanagementsysteme können beim Aufbau einer funktionierenden Struktur im Unternehmen helfen. Beim European Eco-Management and Audit Scheme (EMAS) oder der ISO 14001 wird die korrekte Implementierung von einem externen Gutachter geprüft.

3. Daten, Abläufe und Entscheidungen optimieren

Ohne saubere Prozesse läuft beim Klimaschutz nichts. Tatsächlich kann unternehmerischer Klimaschutz sogar dazu führen, dass Unternehmen als Nebeneffekt ihre Prozesse optimieren und die Datenverfügbarkeit verbessern. Denn Energie- und Ressourcenverbrauch müssen präzise dokumentiert werden. Das wiederum kann sich auf das Kerngeschäft positiv auswirken. Der Grundsatz "What gets measured, get managed" entfaltet seine Wirkung.

Wer die Grundlagen für unternehmerischen Klimaschutz legt, beschäftigt sich auch damit, welche Daten benötigt werden, wo und in welcher Form sie vorliegen und wie die Daten zusammengeführt, aufbereitet und verfügbar gemacht werden. Wer das nicht selbst machen will, kann auf Dienstleister zugreifen. Sie bieten zum Teil Software an, die eine sehr granulare Aufbereitung von Daten ermöglichen, sodass zum Beispiel entlang von Wertschöpfungsketten sichtbar wird, wo wie viele Emissionen entstehen.

Die Überlegungen zu den Daten gehen Hand in Hand mit der Festlegung von Abläufen und der Frage, wer im Unternehmen welche Entscheidungen trifft. Auch dabei können ein Umweltmanagementsystem oder externe Experten helfen.

4. Eine Wesentlichkeitsanalyse erstellen

Der Klimaschutz ist ein weites Feld und vor allem eng verknüpft mit vielen anderen Fragen der Nachhaltigkeit. Wo fängt man also am besten an? Die Treibhausgasbilanz und die darin enthaltenen größten Emissionsposten geben darauf eine wichtige Antwort. Ein anderes Instrument ist die Wesentlichkeitsanalyse. Sie analysiert nicht nur das Unternehmen als quasi isolierten Organismus, sondern betrachtet es in seinem Kontext: Welche Interessengruppen gibt es, und welche Ansprüche haben sie an das Unternehmen? Welche Faktoren gibt es, die das Ergebnis der Klimaschutzbemühungen beeinflussen könnten?

Eine Wesentlichkeitsanalyse bezieht die Interessengruppen mit ihren Perspektiven ein. Sie werden mithilfe von Methoden wie Workshops oder Befragungen erfasst. Die Gestaltung des Vorgehens ist frei wählbar, eine formal festgelegte Herangehensweise gibt es nicht. Die Liste der potenziellen Anspruchsgruppen reicht von den eigenen Beschäftigten über die Gesellschafter und Geldgeber bis zu Kunden und Zulieferbetrieben, NGOs, Gewerkschaften und den Kommunen der Unternehmensstandorte.

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Nachhaltigkeit

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Die Wesentlichkeitsanalyse hilft nicht nur, Ansprüche zu erkennen. Sie zeigt auch, was die Akteure im Umfeld beim Klimaschutz planen. Was machen die Zulieferer selbst? Wie sehr kann das Unternehmen von ihren Klimaschutzbemühungen profitieren? Wie kann man den Klimaschutz gemeinsam anpacken? Was tun die Kommunen? Welche Bedürfnisse haben die Beschäftigten? Wo gibt es Zielkonflikte? Außerdem wird deutlicher, wie der Klimawandel die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gefährden könnte - etwa wenn Landwirte berichten sollten, welche Probleme sie durch die veränderten Anbaubedingungen erwarten.

Die Relevanz der Themen wird mit Punkten bewertet. In den Bewertungsprozess sollten die unterschiedlichen Bereiche des Unternehmens eingebunden werden. Denn nicht jedes Thema wird von jeder Abteilung als gleich bedeutend eingeschätzt werden. Die Ergebnisse kommen dann in eine Wesentlichkeitsmatrix. Sie enthält auf der X-Achse die Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg und auf der Y-Achse die Relevanz für die Stakeholder.

So wird klar, worauf es bei der Umsetzung des Vorhabens besonders ankommt. Für Unternehmen, die unter die CSR-Berichtspflicht fallen, ist die Wesentlichkeitsanalyse Pflicht, im Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 fester Bestandteil. Dort wird für die Wesentlichkeitsanalyse unter anderem der Lebensweg der Produkte und/oder Dienstleistungen herangezogen.

5. In Know-how investieren

Wer in den Klimaschutz startet, sollte das notwendige Wissen ins Unternehmen bringen. Die Herausforderungen sind vielfältig und komplex. Die Belegschaft wird nicht nur viel lernen, sondern auch Gewohnheiten und bekannte Perspektiven infrage stellen müssen. Damit das Vorhaben Klimaschutz nicht in Klimafrust endet, sollten alle Involvierten mit den notwendigen Bildungsangeboten und Workshops unterstützt werden.

Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen qualifizieren Menschen zu Fachleuten für den Klimaschutz. Es kann sich als sinnvoll und kostengünstig erweisen, in die Anstellung einer Fachperson oder in die Weiterbildung des eigenen Personals zu investieren. Aufwendige und nervenaufreibende Umwege im Klimaschutz werden damit vermieden.

Es lohnt sich zu prüfen, ob die Beratung durch einen externen Dienstleister infrage kommt. Das kostet zwar Geld, aber auch hier gilt: Die Fachleute der Beratungsunternehmen machen nichts im unternehmerischen Klimaschutz zum ersten Mal. Idealerweise verfügen sie über Branchenkenntnisse, Benchmarks und Musterlösungen.

6. Klimadienstleister checken

Der Klimaschutz hat eine neue Branche hervorgebracht: die Carbon-Management-Branche. Darin versammelt sind Beratungs- und Prüfunternehmen, Softwarehersteller und andere, die beim unternehmerischen Klimaschutz helfen. Zuletzt sind neue Unternehmen wie die berühmten Pilze aus dem Boden geschossen.

In Deutschland sind nach Daten von Green-works inzwischen mehr als 100 Anbieter aktiv, zu deren Kerndienstleistungen die Erstellung einer Treibhausbilanz zählt. Viele weitere Unternehmen helfen bei anderen Aspekten des Klimaschutzes.
Damit stellt sich für Firmen nicht mehr die Frage, ob es jemanden gibt, der ihnen beim Klimaschutz helfen kann, sondern nur noch, wer der richtige Dienstleister ist. Doch wie findet man das heraus? Eine Antwort auf diese Frage zu geben, fällt bisweilen sogar Experten noch schwer. Jedoch gibt es eine ganze Reihe von Kriterien, die man an einen Dienstleister anlegen kann. Je nach Unternehmenstyp sind manche Kriterien mehr oder weniger relevant.

Unternehmen sollten sich jedoch nicht der Illusion hingeben, dass mit der Auswahl des richtigen Dienstleisters der Klimaschutz delegiert werden kann. Auch der Dienstleister ist auf eine aktive Zusammenarbeit angewiesen. Er bringt zwar viel Know-how zur Erstellung einer Klimabilanz mit und kann auch bei der Formulierung von Klimazielen und der Auswahl geeigneter Maßnahmen helfen, aber er kennt ein Unternehmen bei Weitem nicht so gut wie das Management selbst. Folglich sind Unternehmen gefordert, die nötigen Strukturen und Prozesse zu etablieren.

Dieser Artikel erschien zuerst in Der Handel.

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