Weniger ist besser. Daher stellt Bettzeit seinen Mehrmarken-Shop Dormando ein und konzentriert sich im Matratzenhandel aufs Kerngeschäft. Und das sind zwei eigene Marken. Dafür klotzt das Frankfurter Start-up im Marketing, stellt fast im Minutentakt neue Mitarbeiter ein - und hat für 2019 in kerniges Umsatzziel.

Wenn man es ein bisschen übertreibt, hat dieser Mittwoch eine historische Dimension für Bettzeit. Denn das Frankfurter Start-up für Matratzenhandel gab am Vormittag bekannt, dass es sich von seinen Wurzeln trennen wird. Zum Ende dieses Jahres wird der Multimarken-Onlineshop Dormando eingestellt, also das Format, mit dem Bettzeit im Jahr 2013 loslegte. "Wir wollen uns auf unsere Marken fokussieren", erklärt Bettzeit-Gründer Dennis Schmoltzi. Nicht mehr mit Fremd- sondern mit Eigenmarken handeln, heißt die Devise. Und das sind die populären Matratzen der Marke Emma (als Direct-to-Consumer-Modell) und die klassische Handelsmarke Dunlopillo, die 2016 übernommen wurde. 
Alles für den guten Schlaf: Die Bettzeit-Chefs Dennis Schmoltzi, Manuel Müller und Philipp Burgtorf (von links).
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Alles für den guten Schlaf: Die Bettzeit-Chefs Dennis Schmoltzi, Manuel Müller und Philipp Burgtorf (von links).
Dem Bettzeit-Betrieb in den neuen Räumen in einem modernen Frankfurter Bürogebäude unweit des Bahnhofs merkt man diese strategische Veränderung nicht an. Stille Geschäftigkeit auf beiden Etagen, die beweist, dass hier ein Unternehmen wächst und wächst. Jeden Freitag, ab 9 Uhr, steht bei Schmoltzi nichts anders im Terminkalender, als Gespräche mit Bewerbern zu frühren.

Jeden Monat zehn neue Mitarbeiter

Und weil bei Start-ups alles schnell geht, wissen die Kandidaten spätestens am Dienstag, ob sie genommen werden, oder nicht. Falls ja, liegen schon am Folgetag die Arbeitsverträge zur Unterschrift vor. "Derzeit stellen wir jeden Monat zehn neue Leute ein", sagt Schmoltzi. Etwa 215 Mitarbeiter hat Bettzeit mittlerweile, und wenn das Einstellungstempo so weitergeht, hat sich das Unternehmen bis zum Jahresende erheblich vergrößert. 

Dabei entsteht ein internationaler Kosmos, wie man es in Deutschland so schnell nicht ein zweites Mal finden dürfte. Denn mittlerweile beschäftigt Bettzeit mehr internationale Mitarbeiter als Deutsche. Sie kommen aus Südkorea, Kasachstan, Litauen, Frankreich, der Ukraine - es sind mehr als 30 Nationen unter einem Dach. Verkehrssprache ist deswegen Englisch. "Wir setzen auf Diversität. Unterschiedlichkeit und Vielfalt sind von großem Wert", betont Schmoltzi.

Nebenbei ist so eine Vielvölkerei auch geschäftsfördernd, denn Bettzeit ist heute in 20 Ländern aktiv, da ist es nicht schlecht, wenn man für jedes quasi einen eigenen Botschafter hat. 

Wie groß ist der Markt? Unklar.

Das Matratzengeschäft war einmal ein große Spielwiese für Start-ups. Viele wollten mitmachen und schnell Geld verdienen. Doch für die wenigsten ist Platz auf einem relativ kleinen Markt, der in Deutschland für etwa 1,5 Milliarden Euro Umsatz steht. Geschätzt 16 Prozent fällt auf den Onlinehandel, aber verlässliche Zahlen hat niemand. Das Statistikportal Statista prognostiziert für 2019 gar einen Branchenumsatz von 2,3 Milliarden Euro. Doch verlassen sollte man sich darauf nicht - der Matratzenmarkt ist traditionell undurchsichtig. Was aber auffällt und auch Schmoltzi bestätigt. Die Sparte der Onliner verdichtet sich derzeit. Eine knappe Handvoll Spieler prägen den Markt: Casper, Bettzeit mit den populären Marke Emma sowie Bett1, das seit geraumer Zeit auffällig viel Geld in Werbung steckt.

Marketing, Marketing, Marketing

Wenn eben der Markt klein ist, muss man intensiver kämpfen, um etwas vom Kuchen abzubekommen. Daher hat auch Bettzeit sein Marketingbudget für dieses Jahr aufgestockt, nicht nur für Online- sondern auch für TV-Werbung. Stolze 25 Millionen Euro betrugen die Aufwendungen im Jahr 2018, wie viel mehr es in diesem Jahr sein werden, mag Schmoltzi nicht sagen. Aber das Umsatzziel für 2019 verrät er: 100 Millionen Euro. 
So richtig nett ists nur im Bett.
© Emma Matratzen, Copyright Florian Grill
So richtig nett ists nur im Bett.
Die Deutschen haben den Online-Zugang zu den Matratzen entdeckt. Das beweist eine Studie des Filialisten Concord in Zusammenarbeit mit Google. "80 Prozent der Kunden recherchieren mittlerweile vor dem Kauf einer Matratze im Netz", sagte Marcus Diekmann, Digitalchef der niederländischen Concord-Mutter Beter Bed Holding, dem Wirtschaftsmagazin "Capital". Vor drei Jahren seien es gerade mal 20 Prozent gewesen.

Es geht nicht ohne Läden

Wer mit Philipp Burgtorf redet hört heraus, dass die Matratzen-Kunden jedoch den stationären Handel nicht missen wollen. Es geht immer noch darum, das Produkt vor dem Kauf auch anzufassen, zu fühlen, sagt der Geschäftsführer von Bettzeit. Da spielt es auch keine Rolle, ob man ein 100 Tage lange Rückgaberecht nach dem Kauf hat. 

Also brauchen die als Pure Player gestarteten Händler den klassischen Handel als Partner , denn letztlich wird hier auch noch das meiste Geld verdient. Emma-Matratzen gibt es zwar nicht mehr bei Concord, dafür weiterhin in den riesigen Möbelhäusern von Segmüller oder bei Kaufhof mit Verkaufspersonal, das von Bettzeit geschult wurde. In welcher Form die Zusammenarbeit mit dem Warenhaus nach der Fusion mit Karstadt weitergeht, ist noch nicht klar. "Wir sind in Gesprächen", versichert Burgtorf. Sollten diese erfolgreich verlaufen und Emma-Matratzen auch in den Karstadt-Häusern angeboten werden, dass wäre das keinesfalls nachteilig für Bettzeit. Doch so wichtig der Stationär-Handel auch für Bettzeit ist - eigene Läden sind nicht vorgesehen, betont Gründer Schmoltzi. 

Made in Germany ist ein Verkaufsargument

Nicht nur stationäre Läden sind den Deutschen beim Matratzenkauf wichtig - man schätzt auch, wenn ein Produkt hierzulande hergestellt wird. Made in Germany hat hier noch einen höheren Stellenwert als bei der Kauf von Bekleidung oder eines Autos. Die Produktentwicklung von Bettzeit ist sowieso in Frankfurt, die Produktion erfolgt dann in zwei Werken in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, von wo auch für die meisten anderen Länder gefertigt wird. 

Emma im Test: Im Liegen gehts

 Maximal 100 Tage lang dürfen auch Bettzeit-Kunden auf den Matratzen ausprobieren, ob das Teil mit dem maladen Rücken harmoniert. Falls nicht, darf zurückgeschickt werden. Die Retourenquote beträgt 10 Prozent, und das ist für Dennis Schmoltzi ein guter, weil niedriger Wert.

Die C-Klasse brennt gut

Was zurückkommt wird in die Güteklassen A, B, und C eingestuft. A ist so gut, dass solche Modelle gereinigt und frisch bezogen unter dem Markennamen Felix als neuwertige Matratzen wieder zurück in den Handel kommen. Die stärker benutzten B-Modellen werden ausgeschlachtet und gehen an Verwerter. Die C-Klasse wiederum wandert ins Feuer von Kraftwerken von Energieversorgern, die sich über Matratzen freuen, weil diese einen hohen Brennwert haben.

Wenn Dennis Schmoltzi sagt, dass Bettzeit sich nun auf Emma und Dunlopillo konzentrieren will, Dormando daher aufgibt (was wiederum Marketingbudget freiwerden lässt), dann gilt diese Konzentration auch für die Produkte. Emma gibt es in nur drei Varianten (Air, Original und One), Dunlopillo bietet ebenfalls drei Modelle, aber in vier Varianten. Das soll auch so bleiben. Nur ein übersichtliches Portfolio garantiert maximale Kompetenz.

Für Vielfalt steht halt bei Bettzeit die Belegschaft.

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