Geht es um die Herausforderungen des stationären Handels in der Zukunft, beherrschen Multi- und Omnichannel-Konzepte die Agenda. Dabei gibt es noch weitere Faktoren, die einen Wandel im Handel erforderlich machen und begünstigen. Und sie beeinflussen die Storeformate unmittelbar.

Städte sind der Lebensraum der Zukunft. Inzwischen leben über drei Viertel der Deutschen in Städten. Diese Urbanisierung wird noch weiter zu nehmen. Doch die Flächen in der Nähe der Innenstadt sind knapp und Infrastrukturen geraten an ihre Kapazitätsgrenzen. Auf dem Land schlägt die Zunahme der städtischen Bevölkerung ebenfalls voll durch.

Das geänderte Konsumverhalten der Verbraucher kommt noch als weitere Einflussgröße hinzu. Der klassische Wochenendeinkauf – gibt es den eigentlich noch?

Hohe Fixkosten bei weniger Frequenz auf dem Land

Durch die Urbanisierung geht die Bevölkerung auf dem Land zurück. Gleichzeitig zeigt sich auch dort der demografische Wandel; das Alter der Bewohner wird also höher. Die Folgen: Kleinere Haushalte mit geringerem Bedarf bei weniger Kunden insgesamt. Die Frequenz der Kunden in den Läden nimmt zwangsläufig ab. Und auch die Konsumenten auf dem Land sind inzwischen Online-Shopper.
Gerade bei der Versorgung mit Gütern, die nur geringen Margen haben, wie dies für den Lebensmitteleinzelhandel typisch ist, werden da die klassischen Supermärkte schnell unrentabel. Denn an den Grundkosten für die Ladenflächen kommt kein Händler herum.

Gefragt sind also Konzepte, die Fixkosten niedrig halten, schnell als Standort erschlossen sind und flexibel auf Strukturveränderungen angepasst werden können.

Spezialisten für Ladenbau und Ladenausstattungen wie das Unternehmen Wanzl gehen davon aus, dass im ländlichen Raum stärker „Rural Stores“ zum Einsatz kommen werden und sich dort auch durchsetzen können.

Im Kern handelt es sich um personalfreie und sehr kompakte Konzepte. Dort können die Kunden die klassischen Waren des täglichen Bedarfs kaufen. Aktuell haben Lebensmittellieferdienste aus logistischen Gründen die Ballungsräume im Blick. Und noch ist unklar, ob Picnic mit seinem Konzept des „Milchmann 2.0“ so viel Erfolg einfahren wird, dass sich die Liefergebiete ausweiten werden und auch die ländliche Bevölkerung davon profitiert.

„Rural Stores“ könnten in Containern untergebracht sein. Sie sind somit mobil und flexibel. Die Technologie für den Einkauf ohne Personal steht inzwischen zur Verfügung. Dazu bedarf es nicht unbedingt das von Amazon entwickelte Konzept des „Amazon Go“. Über RFID-Tags und Zutrittskontrollsysteme ist auch eine lückenlose Erfassung der Ware und deren Abrechnung möglich.

In der Stadt dominieren kleine Flächen

Wanzl, als Spezialist für Handelstechnik und Ladenbau, rechnet für die Ballungszentren und Innenstädte mit zwei großen Entwicklungen. Die ersten Vorboten sind beispielsweise in den USA, aber auch in Deutschland sichtbar.
In ländlichen Räumen muss auf möglichst kleiner Fläche viel Ware untergebracht werden. Rural Stores sind mobile Läden, die ohne Personal auskommen
© Wanzl
In ländlichen Räumen muss auf möglichst kleiner Fläche viel Ware untergebracht werden. Rural Stores sind mobile Läden, die ohne Personal auskommen
Noch ist nicht absehbar, wo die Grenzen des Digital Commerce liegen. Aber in vielen Segmenten scheint das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Es ist also eher noch mit einem weiteren Anstieg von Sendungen zu rechnen, die ihren Weg zu den Konsumenten finden müssen. Die KEP-Branche arbeitet bereits jetzt am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen und in Zeichen von autofreien Innenstädten stellt sich somit die Frage, wie dieser Bedarf gestillt werden soll.

Eine Möglichkeit besteht in der Eröffnung von Fulfillment-Centern. In ihnen werden die von den Kunden bestellten Waren rund um die Uhr zur Abholung bereit gehalten. Vollautomatische Kommissioniersysteme geben einzelne Produkte oder ganze Warenkörbe innerhalb kürzester Zeit aus. Erste Vorstufen davon gibt es inzwischen weltweit zu sehen.

Walmart setzt in den USA auf optisch beeindruckende „Vending Machines“, die in den Superstores der Kette aufgestellt werden.

© walmart
Von einer automatischen Kommissionierung kann hier allerdings noch nicht die Rede sein. Und der Inditex-Konzern errichtet in seinen Flagship-Stores der Marke Zara ebenfalls Abholautomaten, die nach dem Scannen des QR-Codes oder der PIN-Eingabe des Kunden Zugang zu den bestellten Waren geben.

Die Attraktivität der Städte, die weitere Urbanisierung, verteuern Immobilien in guten Lagen. Wirtschaftlich einen großen Lebensmittelmarkt zu betreiben, wird zunehmend schwieriger. Zugleich werden Waren für den täglichen Bedarf stärker online gekauft. In besonders verdichteten Strukturen wie Großstädten und Megalopolen werden große Flächen deshalb zurückgehen. Das Leben wird eher von Minimärkten geprägt sein. Dort werden die Konsumenten vor allem frische Waren des täglichen Bedarfs einkaufen, oder Produkte, von deren Frische sich die Kunden gern selbst vor Ort überzeugen wollen. Dieser Trend zu kleineren Flächen ist ebenfalls bereits weltweit zu beobachten. Nahezu jede Handelskette in den USA setzt bereits Kleinflächenformate um, oder hat zumindest ein entsprechendes Konzept in der Schublade.

In den Minimärkten steht den Kunden über SB-Terminals und Online das gesamte Sortiment zur Bestellung zur Verfügung, die Auswahl vor Ort beschränkte sich aber auf eine überschaubare Zahl an Artikeln. Die US-Kette Meijer eröffnet aktuell Filialen, die „nur“ noch zwischen 3.500 und 4.000 Quadratmeter groß sind. Die klassischen Märkte des Händlers haben sonst eine sechs- bis siebenmal so große Verkaufsfläche.

Das Zeitalter der Super Stores geht seinem Ende entgegen. Ähnlich kleine Formate wählen auch Kroger oder Lowe’s. In Deutschland experimentieren die großen Discounter auch mit kleineren Flächen und greifen auch die Idee der Verdichtung auf, in dem auf dem klassischen Supermarkt dann auch noch Wohnungen errichtet werden sollen.

Bedeutung von Convenience

Zeit ist ein knappes Gut. Der Wert von freier Zeit wird von den Konsumenten sehr hoch eingeschätzt. An hochfrequenten Lagen werden sich Verbraucher mit kleineren Mengen an Gütern des täglichen Bedarfs versorgen.

Die Discounter in Deutschland bieten beispielsweise bereits verstärkt Snacks an, mit denen die Angestellten aus der näheren Umgebung den Hunger stillen können. Die Drogeriekette Budnikowsky unterhält in Hamburg seit vielen Jahren mit den „Perlen“ solche Convenience-Stores. Neben dem Angebot an Drogeriewaren erhalten die Kunden dort auch Biolebensmittel, frische Brötchen und auch einen heißen Kaffee. Und ähnlich sieht auch die erste Filiale des Unternehmens außerhalb Hamburgs aus.

Die Kunden schätzen an solchen „Rapid Stores“ die günstige Lage, die längeren Öffnungszeiten und das Konzept des „One-Stop-Shoppings“. Durch den Einsatz von entsprechender Technologie könnten solche Stores auch rund um die Uhr und mit wenig Personal betrieben werden.

Für Ladenbauer und Technologieanbieter gibt es in den kommenden Jahren also genügend zu tun, um die Anforderungen nach kleinen Flächen des Handels sowie die Kundenwünsche nach Bequemlichkeit und schnellem Einkauf zu erfüllen.
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