Smart, sicher, schnell: Intelligente Warensicherungs-Systeme machen das kassenlose Bezahlen erst wirklich komfortabel.

Die gute Nachricht: Die Zahl der einfachen Ladendiebstähle hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als halbiert. Die schlechte: Trotz aller Bemühungen der Händler entwendet jeder Bundesbürger statistisch gesehen jährlich immer noch Waren im Wert von rund 28 Euro im Einzelhandel. Von dem Verlust in Höhe von 4,1 Milliarden Euro, die das EHI Retail Institute in der Studie „Inventurdifferenzen 2018“ angibt, verantworten immerhin mit 2,28 Milliarden Euro mehr als die Hälfte Ladendiebe.

Da erstaunt es nicht, dass der Einzelhandel Jahr für Jahr rund 1,35 Milliarden Euro ausgibt, um sich gegen Warenverluste durch Diebstahl und Betrug zu wappnen. Das entspricht 0,32 Prozent vom Umsatz. Darin sind Kosten für Kameraüberwachung, Detektiveinsätze, Testkäufe, Schulungen, Diebstahl hemmende Verkaufsträger und Software-Analyse-Tools zur Datenauswertung enthalten, aber auch die klassischen Artikelsicherungen.

Waren per Smartphone entsichern

Und da tut sich derzeit einiges. Auch, weil das kassenlose Bezahlen erst dann sinnig ist, wenn der Kunde nicht mehr irgendwo anstehen muss, um bei den gekauften Produkten die Diebstahlsicherung entfernen zu lassen.

Das von Alexander Schneider und Sebastian Müller gegründete Start-up Rapitag ist daher angetreten, die klassischen Warensicherungsetiketten (Electronic-Article-Surveillance, EAS) zu revolutionieren.

Die Idee ist eine patentierte Diebstahlsicherung, die per Smartphone-App entfernt werden kann. Die Sicherung lässt sich nur mit einem digitalen Schlüssel öffnen, der vom Smartphone des Kunden nach erfolgreicher Bezahlung mit Hilfe eines Bluetooth-Signals an die Sicherung gesendet wird. 

Rapitag-Test bei Saturn in München
© Saturn /Rapitag
Rapitag-Test bei Saturn in München
Die Nutzer können per App mit einem Klick mobil bezahlen und die (wiederverwendbare) Warensicherung selbst im Laden entfernen – ganz ohne Terminal oder Kassenpersonal.

Die Bezahlung erfolgt dabei per Kreditkarte oder Paypal, der Kassenbon wird per E-Mail geschickt. Die App könne zudem als persönlicher Einkaufsassistent dienen und Produktinformationen, Bilder sowie Preise bereitstellen.

Die Rapitag-Gründer machen sich dabei das sogenannte Internet-of-Things (IoT) zunutze, das man mit „Allesnetz“ übersetzen kann.
Die smarten Sicherungen können beispielsweise im Elektronikfachhandel, Modehandel oder in Baumärkten eingesetzt werden. 

Zudem könnten alle gängigen EAS-Sicherungen auch als smarte Variante angeboten werden, werben die Gründer. Der Elektronikfilialist Saturn hat das Rapitag-Konzept kürzlich in seinem Markt im Münchner Einkaufszentrum PEP getestet. Dort konnten Kunden ausgewählte Produkte aus dem Kopfhörersortiment direkt am Regal per Rapitag-App bezahlen, entsichern und den Laden verlassen. 

Pilot bei Saturn im Markt Hamburg Altstadt

 
Apropos Saturn: Seit einigen Wochen testet der Elektronikhändler das kassenlose Bezahlen in seinem Markt „Hamburg Altstadt“ gegenüber dem Hauptbahnhof. Bei dem Pilotprojekt, das zunächst bis Ende Februar 2019 läuft, sollen Kunden nahezu alle der gut 100.000 im Markt vorhandenen Produkte direkt am Regal bezahlen können. 

"Die durchweg positive Resonanz der Kunden auf unsere ersten Pilotprojekte in Innsbruck und München hat uns darin bestärkt, Mobile Self-Checkout nun erstmals auf großer Fläche anzubieten", erläutert Martin Wild, Chief Innovation Officer der MediaMarktSaturn Retail Group.

Bei dem Test in der Hansestadt greift Saturn, wie bei der Testfläche im Sillpark-Einkaufszentrum in Innsbruck, auf das System des britischen Start-ups MishiPay zurück, das Teil der Innovationsplattform Retailtech Hub von Media-Markt-Saturn ist.

Der Kunde öffnet die App, sucht die Produkte aus, scannt mit der Smartphone-Kamera den Barcode am Produkt oder berührt alternativ das digitale Preisschild des gewünschten Produkts mit einem NFC-fähigen Smartphone, um den Artikel aufzurufen. Ist der Warenkorb fertig gefüllt, zahlt er per App mit Kreditkarte, PayPal, Google Pay oder Apple Pay. Nach der Bezahlung enthält der Kunde seinen digitalen Kassenbon per Mail.

Die RFID-Warensicherung, die im Ausgangsbereich ein Alarmsignal auslöst, wenn ein Dieb mit dem Artikel den Shop verlassen will, ist dann allerdings immer noch aktiv. Der Kunde muss sie am „Smartpay Express-Schalter“ am Ausgang des Marktes entsichern lassen, bevor er den Laden verlassen kann. 
Bei Saturn Hamburg können rund 100.000 Artikel "smart" bezahlt werden.
© Satrurn
Bei Saturn Hamburg können rund 100.000 Artikel "smart" bezahlt werden.

Schlangen an den Kassen kommen Händler teuer zu stehen

Bleibt abzuwarten, ob auf diese Weise nicht doch noch ein Nadelöhr entsteht, das den schnellen, unkomplizierten Einkauf stört. Denn Kassenschlangen kosten den Handel viel Geld: Der Zahlungsanbieter Adyen hat in seinem Retail Report Europa ausgerechnet, dass deutsche Händler jährlich 6,7 Milliarden Euro Umsatzeinbußen haben, weil Kunden aufgrund zu langer Warteschlangen ihren Kauf abbrechen.

Aber um neue Ideen umzusetzen, sind Tests mit unterschiedlichen Anbietern ja da. Das findet auch Ulrich Spaan, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Instituts: "Das ist ein spannendes Projekt. Ich finde es toll, dass Media-Markt-Saturn den Mut hat, mit der Technik zu experimentieren."

"Ich finde es toll, dass Media-Markt-Saturn den Mut hat, mit der Technik zu experimentieren."

Ulrich Spaan, EHI Retail Institut
 Seiner Meinung nach werden sich solche Lösungen nicht von heute auf morgen durchsetzen, da der deutsche Konsument nicht gerade empfänglich für technische Revolutionen sei.

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