Pop-up-Stores nicht nur in Madrid und Berlin, Amazon macht sich schön für die Fläche. Aber das ist nur Marketing. Denn möglicherweise wird im Geheimen das ganz große stationäre Rad gedreht, und daran ist auch das Logistikdesaster in Deutschland schuld. Vielleicht ist das nur Spinnerei. Aber was, wenn nicht?

Wie lieb von Facebook. Man wolle jungen Marken, deren Produkte bisher nur online verfügbar sind, die Möglichkeit geben, sich in Läden zu präsentieren, heißt es. Daher die aktuellen neun Pop-up-Stores in Filialen der US-amerikanischen Warenhauskette Macy's - in New York City, Pittsburgh, Atlanta, Fort Lauderdale, San Antonio, Las Vegas, Los Angeles, San Francisco und Seattle.

Nun ist es bei Macy's ein bisschen so wie bei Karstadt und Kaufhof - Käufer gibt es auch dort immer weniger. Untervermietungen sind demnach auch für die in die Jahre gekommen Warenhausamerikaner nicht schlecht. Doch die neun Facebook-Lädchen mit gut 25 Quadratmeter Fläche sind nur bis 2. Febuar geöffnet, und was an dessen Ende steht, ist fraglich. Allenfalls hülfe es, sich als Händler zu bewerben, denn der eigene Onlinemarktplatz  braucht ja noch etwas Anschubhilfe.

Nichts los im Facebook-Laden

Dass die Konsumenten darauf gewartet haben, lässt sich bisher nicht feststellen. Der Reporter der "Süddeutschen Zeitung" hatte dieser Tage bei seinem Besuch dem New-Yorker-Store Zeit für ein Vieraugen-Gespräch mit der Verkäuferin, so leer war es hier. 
Amazon-Weihnachtsladen: 500 Geschenkexperten haben das Sortiment kompiliert
© Amazon
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Es pop-upt schwer allerorten. Aber spätestens seitdem Amazon Mittwoch in Madrid und Donnerstag dann auch in Berlin eröffnet hat ist zu vermuten, dass es hier um mehr geht als ein paar nette Läden für zwischendurch mit Weihnachtsgeschenken, Foto-Workshops und Lesungen auf dem Ku'damm. 

Etwas Großes scheint zu köcheln auf dem Amazon-Herd. Dass deutsche Immobilienberater mit der Suche nach entsprechender Flächen beauftragt sind, ist nichts Neues mehr. Nur über deren Verwendung gibt es bisher kaum verwertbare Informationen.

Wer braucht den ganzen Non-Food-Krempel?

Aber man kann ja mal herumspinnen. Was ist oder wird in absehbarer Zeit frei?

Hmmm, richtig - die Real-Märkte.

282 dieser SB-Warenhäuser genannten Relikte aus alten Einkaufszeiten gibt es noch, und der Eigentümer Metro will die ganze Einheit verkaufen. Denn mit Real ist nichts mehr zu holen. Ein Problem dieses Formats ist der ganze Non-Food-Krempel. Wer mutet denn Real heute beispielsweise noch Sortimentskompetenz für Mode zu?
 Also weg damit. Die hübschen Lebensmittel-Markthallen (nach Krefeld neuerdings auch in Braunschweig) sind allenfalls als Brautschmuck zu verstehen, damit mögliche Bräutigame ein bisschen mehr Lust auf Real bekommen. Für Metro wäre es logischerweise am besten, ein großer Investor holt sich alles auf einmal, der dann alles verwertet und Stück für Stück "weiterverkloppt".

Pop-up-Stores sind doch nur Marketing

Doch wer kauft heute auf einen Schlag 282 stattliche Filialen, oft an den Rändern der Städte gelegen? Niemand. Aber wer für einzelne Häuser in Frage kommt ist: Amazon.

Wie, was - hä? Wird da mancher aufstöhnen.

Aber ja. Das bisschen Pop-up-Gedöns ist es doch nicht. Das dient nur dem Marketing. Man kommt in die Zeitung und ist in aller Munde. 

Online könnte noch mehr wachsen, wenn es die Logistik zuließe

Was Amazon braucht, brauchen alle Onlinehändler, aber das ist immer weniger zu bekommen - ein reibungsloses Logistiksystem, um die Waren zu den Kunden zu bringen. Die berühmte letzte Meile wird zur Kriechspur, das wird heute die künstlich erzeugte Rabattschlacht-Sonderkonjunktur von "Black Friday" (heute) und "Cyber Monday" (nächste Woche) zeigen, wenn die Menschen wie besessen einkaufen. Und wenn nach dem Kaufrausch noch Geld übrig ist, dann stürzen sich die Konsumenten ins gute alte Weihnachtsgeschäft - und spätestens dann wird der Ausliefer-Overkill kommen. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Amazon weiß, dass die Logistik das Wachstum des Onlinehandel limitieren wird, es kann einfach nicht mehr so viel und so schnell Ware verteilt werden, wie bestellt wird. Das kann Amazon nicht gefallen. Eine eigene Lieferflotte bringt ja auch nichts, wenn die Städte verstopft sind oder die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auch das letzte Kaff in ein Dieselfahrverbot zwingt.

Die Kunden kommen zu Amazon

Die Lösung: Amazon kommt nicht mehr zu den Kunden - sondern lässt die Kunden zu sich kommen. Und zwar in die alten Real-Märkte. Diese werden zu einem Teil zu einer Convenience-Welt mit Gastronomie, Amazon Locker-Paketstation, Geldautomaten und allem, was sonst noch nett ist - das Eigentliche ist aber im hinteren Teil: ein gewaltiger Abholbereich für bestellte Waren.
Wer das albern findet, soll Gegenargumente finden. Real-Märkte sind für Lieferlaster gut anzusteuern, haben Laderampen, es gibt keine Anwohner, die über den ständigen Verkehr meckern - und keine DUH, die mal schnell die Räder still stehen lässt. Und die Kunden finden wiederum jede Menge Parkplätze am Haus. 

Sonntags geöffnet

Noch ein Vorteil bei diesem System: Wer einen Gastronomiebetrieb anbietet, der kann diesen auch zu später Stunde und an Wochenenden öffnen. Die Abholstation hat dann halt auch offen; erst ein Käffchen trinken bei Amazon, dann schnell noch die neue Winterjacke mitnehmen. 
Das Gegenteil von sexy: Mode bei Real
© Real
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 Klingt verwegen, gewiss, aber wer Jeff Bezos letztens zugehört hat, der darf sich über nichts mehr wundern. Wenn der Schöpfer von Amazon seinen Führungskräften mal eben vorrechnet, dass das Unternehmen eines Tages pleitegehen wird, dieser Tag aber so lange wie möglich herausgezögert werden muss, indem man noch mehr in Kundenwünschen denkt, dann muss man mit allem rechnen.

Digital Natives halten Karstadt für eine Ortschaft

Auch mit einem neuen Geschäftsmodell, denn auf den Onlinehandel kommen ja noch turbulente Zeiten zu. Bisher fließt ja ein Teil des Konsumentengeldes in den stationären Handel, weil es vor allem die Generation der Rentner dorthin trägt. Aber was ist vielleicht in fünf oder zehn Jahren, wenn diese analogen Menschen weggestorben sind - und die Generationen Y und Z erwachsen sind, ordentlich Geld haben und einkaufen wollen? 
Das sind die Digital Natives, die Karstadt für eine Ortschaft halten und gewohnt sind, sich bei Zalando oder About You die Outfits nach Hause schicken zu lassen, anprobieren und fast alles zurückschicken. Die gehen -außer für Instagram-Fotos -  kaum noch in Fußgängerzonen, sondern bestellen von unterwegs per iPhone 10, 11 oder 12.

Weihnachtsgeschenke? Je jünger desto online

Wenn es die Käuferschicht der heutigen Alten nicht mehr gibt, kommt es zu einer tektonischen Verschiebung des Einkaufsverhaltens in Deutschland - online wird massiv zulegen. Das lässt sich ja jetzt schon daran ablesen, wie die Deutschen ihre Weihnachtsgeschenke einkaufen. Je jünger desto online. So steht es auch in der gewaltigsten Weihnachtsstudie seit Menschengedenken, verfasst von der Hochschule für Ökonomie & Management in Essen, die dafür sage und schreibe 55.700 Probanden befragt hat.

Man darf und muss bezweifeln, dass die Logistik auf diesen Paradigmenwechsel vorbereitet ist. Also baut Amazon vor. Denn es wird künftig nur noch mit Pick-up-Stationen gehen, um die Bestellmasse in den Griff zu bekommen. Und dafür reichen nicht mehr Hinterzimmer von Kiosken - dafür müssen große Räume her. Womit wir wieder bei den Real-Märkten sind, die alles haben, was man zum Abholen braucht. Denn die immer diskutierten Warenhäuser eigenen sich ja nur bedingt, weil kompliziert anzusteuern sowie mehrstöckig, was eine Neunutzung von vornherein erschwert. Also Real. Metro-Chef Olaf Koch wird am Ende kaum noch eine andere Wahl bleiben, weil so schnell kein Einzelkäufer seine 282 Filialen aufkaufen wird. Vielleicht greift Amazon sich 50, vielleicht sogar 100 Häuser, vielleicht auch nur 10. Aber dass sie zugreifen könnten, ist so abwegig nicht.

Wenn es denn so kommt, dann empfehlen Sie uns gerne weiter. Wenn nicht, dann haben wir Ihnen bis hier hoffentlich ein paar neue Gedanken mit auf den Weg gegeben.

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