Händler in Nordrhein-Westfalen wissen jetzt, wie ihre Zukunft aussieht: düster. In nur zehn Jahren wird ein Menge Läden verschwunden sein, sagt eine Studie vorher, die auch als Blaupause für andere Regionen dienen kann. Wer nun mit billigen Krisenbewältigungs-Strategien kommt, verkennt die Lage.

Dieser Tage erreichte uns wieder eine dieser Weisheiten, wie der Niedergang des stationären Handels zu retten sei. "Viele Geschäfte scheitern daran, ihre Daten auf den diversen Online-Plattformen einheitlich zu präsentieren und auf dem neuesten Stand zu halten", sagt Michael Hartwig, Zentraleuropa-Chef des Softwareherstellers Yext. "Wer Kunden mit offensichtlicher Kaufabsicht falsche Informationen im Internet anbietet, verschenkt Umsatz und riskiert einen Vertrauensverlust."

Yext bewirbt eine eigene Studie, in der unter anderem gezeigt wird, was passiert, wenn Konsumenten aufgrund falscher Online-Daten bei Google, Facebook oder Gelbe Seiten vor verschlossenen Ladentüren stehen, das Ladengeschäft nicht da ist, wo angegeben, oder bestimmte Produkte doch nicht vorrätig sind: Die Konsumenten wandern ab oder kaufen online.

Alles nur ein Problem der Software, oder?

Aha. So ist das also mit dem Ladensterben. Na dann, schnell die Öffnungszeiten online aktualisieren, am besten selbstverständlich mit einer Software von Yext – Millionen Kunden werden wieder kommen, und Amazon kann einpacken. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Vielleicht muss jetzt das Institut für Handelsforschung (IFH) seine aktuelle Studie umschreiben, in der die Zukunft des stationären Handels in Nordrhein-Westfalens vorhergesagt wird. Bis zum Jahr 2030 sollen dort 13.000 bis 20.000 Geschäfte wegfallen, das wäre jede fünfte Verkaufsstelle. Und künftig wird der Handel nur noch dort stattfinden, wo die Leute leben: in den attraktiven großen Städten und dort in den hochfrequenten Lagen. Dem Online-Handel wird bis 2030 ein Marktanteil von 20 Prozent vorhergesagt.

Gelsenkirchen, dann Ulan Bator

Ob ein Händler in Gelsenkirchen, wo die Einzelhandelskaufkraft knapp über der von Ulan Bator liegt, sich jetzt sagt: Ich muss nur meine Facebookseite aktuell halten, dann gehöre ich nicht zu den Verlierern? Schwer zu glauben. Wer nämlich eines der innenstadtrelevanten Sortimente verkaufen will, merkt nämlich längst, dass die Kunden nicht mehr zu ihm kommen, dafür im Internet kaufen. Bei Mode und Accessoires sowie Elektro sind die Online-Anteile heute schon bei fast 30 %, hat das IFH festgestellt.

Wenn das IFH seine Prognose des Ladensterbens in NRW als "realistisch" einstuft, dann ist zu befüchten, dass es noch schlimmer kommen wird. Denn je mehr die jungen, online-affinen Leute "voll taugliche" Konsumenten werden, je weniger ältere Menschen es gibt, die sich nur in der analogen Welt zurechtfinden und niemals mit dem Smartphone einkaufen, desto mehr verschieben sich die Konsumgewohnheiten.

Es geht um mehr als Einzelhandel

Das gilt selbstverständlich nicht nur für NRW. Und mit ein bisschen Multichannel, Click & Collect und aktuellen Öffnungszeiten ist es nicht mehr getan. Das Projekt Rettung des klassischen Handels ist längst kein spezifisches mehr. Es geht nicht mehr um das Thema Handeln, also Verkauf von Waren, der nur irgendwie zeitgemäß organisiert werden muss, um zu überleben. 

Ladensterben: Kein deutsches Problem

Gewiss, die Händler müssen ihre Geschäftsmodelle analysieren und auf neue Märkte und Zielgruppen ausrichten. Wo ist man besser als Amazon? Wer das nicht schafft, kann den Laden gleich dichtmachen. Gewiss, ohne Daten und deren Auswertung und Nutzung geht es heute ebenfalls nicht mehr. Doch spätestens hier wird auf der Stirn vieler Händler Schweiß perlen. Und Herzrasen bekommen sie, wenn sie den Hinweis des IFH lesen, dass für die Kundenzentrierung auch Künstliche Intelligenz genutzt werden könne.

Warenwirtschaftssysteme als Raktentechnik

Im Jahr 2017 haben Rolf Volmerig und Ulrich Schückhaus in Der Handel über das wahre Handelsleben in NRW erzählt, das bestimmt eine Blaupause ist für andere Bundesländer. Volmerig ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wuppertal, sein Kollege Schückhaus in Mönchengladbach. Beide stehen hinter den bekannten Projekten Online-City Wuppertal und Mönchengladbach bei eBay, zwei lokalen Internetplattformen.

Beide Männer mussten einen heldenhaften Überzeugungskampf führen, um ihre Händler zum Mitmachen zu bewegen. Viele wollten nicht. "Da wurde zum Teil abenteuerlich argumentiert, etwa mit Kosten. Für die Händler waren die 8 % eBbay-Gebühr angeblich zu viel", erinnerte sich Schückhaus. Und Volmerig wunderte sich, "wie traditionell gerade die alteingesessenen Händler arbeiten". Warenwirtschaftsysteme schienen eine Art Raketentechnik zu sein, stattdessen wurde mit der alten Kladde hantiert.

Ohne Behördenhilfe ist es nicht zu schaffen

Immerhin: Einige dieser Geschäfte wurden über Online-City Wuppertal digitalisiert. Und: Volmerig versicherte, dass die Läden, die sich daran beteiligten, Umsatzsteigerungen von 3 bis 15 % hatten – und für Belebung der Wuppertaler Innenstadt sorgten. Weil ja etliche Kunden ihre Bestellungen in den Geschäften abholten.

© etailment
Die Frage ist nur, was aus dem Wuppertaler Projekt ohne die Fördermittel des Landes geworden wäre. Aber das ist eben die Anforderung der neuen Zeit: Die Händler schaffen den Strukturwandel in ihrer Branche nicht mehr allein. Die Behörden müssen eingreifen. Ob mit gutem Parkplatzangebot, aufgeräumten Innenstädten oder Leerstands-Management. Dem Handel muss geholfen werden.

Zur Selbsthilfe verpflichtet

Aber: Der Einzelhandel ist aber nicht zu vergleichen mit einem Drittweltland, dem eine Dürre nach der anderen die Ernte zerstört – die Branche ist auch zur Selbsthilfe verpflichtet. Wer sich den digitalen Möglichkeiten und Notwendigkeiten verschließt, hat keine Daseinsberechtigung mehr. So brutal ist das.

Wenn Susanne Sorg als Vorständin der Verbundgruppe EK/Servicegroup durchs Land zieht, um ihre 2.000 Händler vom digitalen Angebot der Kooperation zu überzeugen, dann hat sie längst den Wunsch aufgegeben, dass alle mitmachen. Viele fühlen sich von den modernen Zeiten überfordert, sind ablehnend, ängstlich oder scheuen die Investitionen. "Ich will die Starken stärker machen", lautet Sorgs Anspruch deswegen. Heißt im Umkehrschluss: Die Schwachen müssen zurückbleiben.

"Tradition ist kein Geschäftsmodell"

Das Darwinsche Prinzip greift mit einer nie dagewesenen Wucht im Einzelhandel. Konnte früher manch mittelmäßiger Laden bestehen bleiben, weil es vor Ort nichts Besseres gab, haben diese Formate heute keine Chance mehr. Die Mittelmäßigen haben nicht nur langweilige Läden mit Personal aus einer anderen Zeit – sie sind vor allem Fremde in der neuen, digitalen Welt.

"Tradition ist kein Geschäftsmodell", ruft der norddeutsche Textilhändler Marc Ramelow den Kollegen zu, die sich hinter der langen Geschichte ihrer Häuser verstecken. Ramelow, der acht Filialen betreibt, ist eine Art Fortschritts-Champion des mittelständischen Modehandels. Vielleicht liegt es daran, dass er 2015 bei einer Konferenz in San Francisco zuhörte, was dort Eric Ries alles sagte. Der Silicon-Valley-Entrepreneur und Autor hat mit seiner Lean-Startup-Methode eine neue Form der Unternehmensentwicklung geschaffen. Wenig Kapital, schlanke Prozesse, kurze Produktzyklen, um schneller auf Kundenmeinungen reagieren zu können.

Ramelow sagt heute, dass ein Händler raus müsse aus den immer selben Netzwerken, Erfa-Gruppen und Diskussionszirkeln. Wer nur in seinem Branchen-Töpfchen rührt, lernt nix Neues und wird zum Langeweiler. Langweile ist die Vorstufe zum Tod. Und dagegen helfen auch keine aktualisierten Öffnungszeiten auf der Facebookseite. Wenn's die überhaupt schon gibt.



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