Fanden Sie auch, dass es im Handel in dieser Woche ein bisschen streng roch? Überall stieß man nämlich auf B-Ware. Auf die eine oder andere Art. Da verging sogar einem Komiker das Lachen.

Der Begriff "Super-Sale" klingt sexy, die hölzernen deutsche Varianten wären "Räumungsverkauf" oder noch besser "wir verramschen alles, was wir haben". Im Onlineshop von Real gab es in dieser Woche auf ordentliche Markenware wie von Lego, Siemens und Leifheit bis zu 70 Prozent Rabatt. Dass Real damit noch Geld verdient, ist kaum vorstellbar. Eigentlich könnten sie den ganzen Kram gleich verschenken, damit sie ihn los sind.

Mit so einem Rabatt-Irrsinn gehen eigentlich nur noch die Händler auf Kundenfang, die kaum Kunden haben, oder nie welche hatten.
real.de? Wer kauft da ein?
Denn das SB-Warenhaus ist ja schon stationär ein trauriger Fall, der Metro-Konzern will seine ungeliebte Tochter abstoßen. Edeka und Kaufland sollen an Filialen interessiert sein - und selbst Amazon wird unterstellt, den ein oder an deren Real-Standort haben zu wollen, um daraus Abholzentren zu machen. 
© etailment
Online spielt die Metro-Tochter eine, nunja, bescheidene Rolle. Es gibt ja allerlei Gemischtes wie Mode, Baby- und Haushaltswaren - aber die wenigen Verwegenen, die dort bestellen, gehören wohl einem Geheimbund an. Die Separatisten der Onlinekunden.

Und wer sich zufällig in diesen Shop verliert, der kommt so schnell nicht wieder zurück. Wie Thomas Gsella. Der Mann war einer der vielen Chefredakteure des Satiremagazins "Titanic", er schreibt lustige Texte und Gedichte, gerne über Städte, wie etwa über Kassel:

Das Leben ist nicht wunderbar,
Und hier ist es unsäglich.
Hier sagt man „Frohes neues Jahr“
Vor lauter Unglück täglich.
 
Im Winter darben Mensch und Schwein
Mit Pommes und Polenta.
Im Sommer fallen Spinner ein
Und machen documenta.
 
Die City wie aus Haß gerührt,
Der Bahnhof ein Schlamassel.
Leb’ du zur Not in Ulm und Fürth,
Doch nie, niemals in Kassel.

Diese Woche hat Gsella auf seiner Facebookseite mitgeteilt, was er dem Kundendienst von real.de mitgeteilt hat. Das war auch lustig, obwohl es nicht lustig sein sollte. Gsella hatte einen Tisch plus Hocker bestellt - und gewartet. Passiert ist nichts, nichts, nichts. Irgendwann platzt dann auch einem Schöngeist der Kragen, und es entlädt sich ein Wortgewitter

"Guten Tag,
ich weiß, dass Sie im Kundencenter nicht verantwortlich sind, aber bitte lassen Sie Ihr Management wie folgt grüßen: "Nach etwa 10 Wochen erfahren wir, dass es den Tisch letztlich gar nicht gibt, und einen vergleichbar desaströsen Scheißhauf von Versandhausmanagementversagen habe ich noch nie erlebt. Bitte räumen Sie Ihre grotesk überdotierten Posten und schämen Sie sich in Grund und Boden, Sie Versager! Wir hatten zum Tisch einen Hocker bestellt, der gleichfalls noch lange nicht da ist, und weil ich in meinem Leben NIE MEHR das Kleinste mit diesem Ihren von absolut unfähigen Affen geleiteten und vollkommen irrealen 'real.de' zu tun haben möchte, storniere ich hiermit auch diese Hockerbestellung und erwarte Ihre schleunige Rückzahlung." - So also mein Gruß, danke . Das mit der Hockerstornierung ist natürlich ernst gemeint.
Auf Nimmerwiedersehen, Thomas Gsella". Gsellas Facebookgemeinde hatte daraufhin viel Spaß, und nicht wenige fragten erst sich, dann Gsella: Wie man auf die Idee kommen kann, bei real.de Möbel zu bestellen?
Tja, der Kunde, das unbekannte Wesen.

Thomas Gsella bei der hr1-Satire Lounge

Der Letzte macht das Licht aus

Wie Real so einen Beschwerdebrief bearbeitet, ist bisher unbekannt. Es ist allerdings auch die Frage, ob dort noch jemand ist, der so etwas bearbeiten kann. Oder will. 70 Prozent Rabatt klingt ja nach: Der Letzte macht das Licht aus. 

Das Licht angeknipst wurde dagegen am Dienstag in Leipzig. Die Russen sind nämlich da.

Mere heißt der neue Discounter aus dem sibirischen Supermarkt-Konzern Torgservis. Und der will jetzt mit Mere in Deutschland expandieren, dem Land von Aldi und Lidl, Penny, Netto und Norma. Und allenfalls an Norma erinnert die erste Filiale in Leipzig auch, schmucklos, freudlos, von der Kiste direkt in den Einkaufswagen. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Eine "Customer Experience" ist nicht vorgesehen, das Erlebnis soll sein, dass der Kunde hier so billig wie nirgends einkaufen kann - und den Grusel der Lagerhallenatmosphäre schnell vergisst.

Ein Kilogramm Schweineschnitzel gabs für 3,06 Euro - B-Ware stand sicherheitshalber auf der Verpackung. Bei solchen Preisen muss man eh vermuten, dass das Tier nie gelebt hat.

Mere-Discounter in Leipzig

Verkaufsschlager am Eröffnungstag war Hackbraten, 500 Gramm für nicht mal 1 Euro, wie der "Focus" notiert hat. Und: Das geschredderte Fleisch wurde mit Knoblauchnote verkauft. Wer weiß, wie es ohne gerochen hätte.

"Ich würde da nicht reinbeißen"

"Ich würde da nicht reinbeißen", zitierte der "Focus" Armin Valet von der
Verbraucherzentrale 
Hamburg. "Gerade bei Milch- und Fleischprodukten haben wir in Deutschland schon ein relativ niedriges Niveau. Und wenn bei den Preisen sogar die Discounter unterboten werden, ist sehr große Skepsis angebracht."

B-Ware bei Lebensmitteln, erst recht Frischfleisch, ist etwas für Grenzgänger des Einkaufens - oder für die Ärmsten der Armen, die es ja jede Menge gibt, trotz allgemeinen Beschäftigungsrekordgedöns. Wer solche Fleischwaren zu sich nimmt, dem muss man den Satz des Stuttgarter Sternekochs Vincent Klink um die Ohren hauen, der einmal sinngemäß sagte, dass man beim Essen weder sich quälen sollte, noch das, was man isst. Also Hühner und Schweine aus der Hölle der Massentierhaltung - auch noch in Osteuropa. Man will gar nicht wissen, was die arme polnische Sau erst fressen musste, dann in einem Schlachthof durchgemacht hat, bevor sie zerhackt und in Plastik eingeschweißt im Leipziger Mere-Markt in die Kühltheke gelegt wurde.

Dass Mere im großen Stil das deutsche Lebensmittel-Discounter-Geschäft aufmischt, muss bezweifelt werden, denn der deutsche Lebensmittel-Markt ist derart gut aufgeteilt und mit stabiler Verteidigung, dass ausländische Konkurrenten a) es hier nie probierten oder b) krachend scheiterten (Walmart). Und c) was macht eigentlich gegenwärtig das Frischegeschäft von Amazon?

"Sind Sie etwa Mere-Kunde?"

Zudem ist Mere ein Rückfall in schlimmste Discounter-Zeiten, als auch Aldi-Filialen aussahen wie Lagerhallen. Doch das war in den sechziger Jahren. Heute kommen selbst die Discounter schick daher, und die Supermärkte brezzeln sich derart auf, dass man sich vor dem Einkauf besser etwas Schönes anzieht, um in dieser schicken Kulisse nicht unangenehm aufzufallen - oder als Mere-Kunde verdächtigt zu werden.

Die Modebranche trägt Trauer

So, und jetzt noch schnell ein Exkurs zur traurigsten Branche des deutschen Einzelhandels: dem Textilhandel. Das Jahr startet mit gleich zwei Insolvenzanmeldungen: erst Gerry Weber, dann AWG. Und H&M sackt der Gewinn weg. Bei Weber kam wohl halt alles zusammen: Der zu heiße Sommer, die zu vielen Filialen, in denen zu viel langweiliges Textil hing und lag.

Kann man langweilig auch durch spießig ersetzen? Ja, klar. Was man dagegen nicht sagen darf ist, dass AWG das Mere des Klamottenhandels ist. Das wäre böse. Aber schön sind diese Läden auch nicht, schön ist auch nicht, was dort verkauft wird. Dafür ist es schön billig. Aber irgendwer ist ja im Zweifel immer billiger. Was gibt es denn grad bei Real in Kassel für Angebote?

Glücklich sein ist jetzt eher nicht so das Thema bei AWG

Die Abkürzung AWG steht ja offiziell für Allgemeine Warenvertriebs GmbH, daraus wurde irgendwann das Firmenmotto: Alle Werden Glücklich. Gilt jetzt nicht mehr so. Das erinnert an die früheren Supermärkte von Plus: Prima leben und sparen, hieß es damals.

Real kann hier auch mithalten: Richtig einkaufen, attraktiv leben. Und alles so: "Yeah". Nur mit Thomas Gsella sollte man darüber so schnell nicht reden. 

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