An Zalando zeigt sich die Perfidie der Wirtschaft: Der Onlinehändler hat große ökologische Ziele. Doch die Anleger finden so etwas doof. Das ist angesichts des Klimawandels unverschämt.

Hallo, liebe Zalando-Aktionäre, was sind Sie eigentlich für komische Menschen? So perfide kann wohl nur einer wie Sie sein. Da meldet Ihr Unternehmen für das dritte Quartal vorzügliche Zahlen (plus 24,6 Prozent Bruttoumsatz auf nunmehr 1,9 Milliarden Euro. 6,3 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern) - aber weil dieses Unternehmen auch jetzt umweltfreundlich werden will, bekommt es von den Anlegern Ohrfeigen. Bis 2023 will Zalando 20% seines Bruttowarenumsatzvolumens mit nachhaltigen Produkten erzielen, was einem Umsatz von 4 Milliarden Euro entspricht und das etwa 15fache des heutigen Umsatzes wäre.

Klingt gut, weil es höchste Zeit ist für so eine Strategie. "Wir müssen das ganze System der Modebranche ändern. Da geht es nicht mehr nur darum, dass die Unternehmen wirtschaftliche Ziele erreichen, sondern auch ökologische und soziale", sagt André Reichel, Professor für Nachhaltigkeit an der International School of Management in Stuttgart, dem "Handelsblatt".

Klimawandel? Schlimme Sache. 

Alle wollen ja auch mehr tun fürs Klima, für mehr Naturschutz und so - aber wenn es ans Bezahlen geht, werden die Unterlippen spitz. Auch bei den Zalando-Anlegern. Sie wissen, dass umweltfreundliche Kleidung teurer sein und deswegen weniger gekauft werden wird. Schlecht fürs Geschäft. Aber das Geschäft geht immer vor. Und der Klimawandel?
Ja, guuut.
Schlimme Sache, klar.
Muss man mal gucken.
Wer so denkt, ist ein gewissenloser Klimakiller, dem man mit schönen Gruß von Greta Thunberg entgegenrufen sollte: "How dare you?!"

Aktuelle Zalando-Werbung: Schön fruchtig
© Zalando
Aktuelle Zalando-Werbung: Schön fruchtig
Gucken müssen längst alle, die für diesen Wandel mitverantwortlich sind, Verbraucher, Hersteller und Händler. "Wir müssen alle am Modegeschäft Beteiligten zusammenbringen, um die CO2-Emmissionen zu verringern", sagt Kate Heiny, Nachhaltigkeitsdirektorin bei Zalando. Da hat sie recht. Aber ihre Vision ist, als wolle man Eiger Nordwand mit Flip Flops besteigen. Mehr für Umwelt heißt immer: weniger Gewinn.

Mal eine Zahl von Umweltbundesamt, die Textilbranche betreffend: Der Wasserverbrauch für ein Kilogramm konventioneller Baumwolle liegt bei bis zu 10.000 Liter.

10.000 Liter!

Und für die Herstellung eines T-Shirts werden bekanntlich um die 2.000 Liter Wasser verwendet.

Greta Thunberg: "How dare you?"

Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Handel und Industrie dürfen ökologisches Wirtschaften nicht mehr nur als Feigenblatt-Veranstaltung betreiben, sondern sie müssen es in den Mittelpunkt ihrer Geschäftsmodelle rücken. Wie der Klimawandel jetzt schon die tradierten Abläufe zerstört hat, merken ja die Textilhändler, die ihre Herbstware brav Ende August, Anfang September in die Schaufenster hängen - aber dann jammern, weil sie sie niemand mehr kauft. Kein Wunder: Bei 30 Grad Hitze hat kein Kunde Sehnsucht nach einer Pudelmütze.

Was Flusshochwasser in China mit deutschen Modehändlern zu tun haben

Die bisherigen Lieferketten mit langen Orderzyklen haben keine Zukunft mehr, weil das veränderte Klima schon jetzt für Unwägbarkeiten in jeder Hinsicht sorgt - und noch mehr sorgen wird. So warnt das Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) vor dem Anstieg von Flusshochwassern in China infolge der globalen Erwärmung.
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
Durch diese Hochwasser sind dann nicht nur lokale Produktionsstätten betroffen, sondern eben auch ein Modehändler in, sagen wir mal, Gütersloh. Denn wenn in einer chinesischen Stadt für eine Weile keine T-Shirts hergestellt werden können, fällt die Belieferung des deutschen Marktes aus.

"Durch Lieferengpässe, Nachfrage-Änderungen und den damit verbundenen Preissignalen könnten die wirtschaftlichen Verluste entlang der globalen Handels- und Lieferketten andere Volkswirtschaften weltweit treffen – wir waren überrascht über den Umfang dieses besorgniserregenden Effekts", warnt PIK-Wissenschaftler Sven Willner.

Warum die Produktion zurückkommen wird. Vielleicht.

Also kommt die Produktion zurück nach Europa? Gut möglich. Markus Schwitzke spricht hier von Mini-Factoring, als die Fabrikation von kleinen Stückzahlen, schnell angepasst an die jeweilige Marktsituation. Schwitzke ist Markendesigner, seine Agentur ist sozusagen Tochter des Design-Büros seiner beiden Onkel Klaus und Karl Schwitzke, die bei einem Großteil der wichtigen deutschen Einzelhändler ihre innenarchitektonischen Finger im Spiel haben. Der Klimawandel hat auch die Anforderungen an den Ladenbau verändert. Ein Schaufenster nach Süden ist heute eher ein Grund, ein Geschäft nicht mehr zu betreten, weil es hier im Sommer furchtbar heiß werden kann und Klimaanlagen an ihre Limiten treibt. "Wir müssen Räume schaffen, die klimatisch angenehm sind", sagt Markus Schwitzke. Es geht um Beschattung, flexible Ladenbaugestaltung - aber auch um die Aufgabe eines Standortes. Dauerhaft kauft kein Kunde in einem Backofen ein.

Management erfordert Weitblick, fordert Etailment-Experte Jochen Strähle.
© Strähle
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Aus Eferding in alle Welt

Wer einen modernen, klimafreundlichen Laden sehen möchte, fährt mit dem Münchner Innenarchitekten Wolfgang Gruschwitz nach Eferding in Österreich. Dort hat er schon vor einigen Jahren das Modegeschäft von Peter Stöcker radikal umgebaut, und entstanden sind 5.500 Quadratmeter Nachhaltigkeit mit Erdwärme, Öko-Strom und Betonkernaktivierung.
Gruschwitz sagt, dass sich solche Techniken viel schneller verbreiten müssen, er fordert ökologische Kühlmittel für Klimaanalagen in den Läden, ein Ende des Unsinns mit Kieselsteinen auf den Dächern, stattdessen Gras, Bäume und Sträucher. 

Pappe statt Plastik: Hackfleisch von Kaufland
© Kaufland
Pappe statt Plastik: Hackfleisch von Kaufland
Bei Kaufland überschlagen sie sich fast vor lauter Nachhaltigkeit. Aktuell ist das SB-Warenhaus stolz darauf, dass seine Handcreme-Eigenmarke von "Öko-Test" mit der Note "Sehr gut" ausgezeichnet wurde. Es gibt ansonsten eine Strategie für den verantwortungsvollen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln beim eigenen Obst und Gemüse, und des gibt Hackfleisch in Pappschachteln, statt Plastik.

Metro hat viel vor

Auch der Großhändler Metro ist im Thema. "Die Lebensmittelindustrie steht vor beispiellosen Herausforderungen: Wir müssen nachhaltige Wege finden, um die Ernährungssicherheit für mehr als 10 Milliarden Menschen bis 2050 zu gewährleisten, während gleichzeitig Ressourcen und Klima unter Druck stehen. Bei Metro arbeiten wir entlang unserer gesamten Lieferketten, um unsere Beschaffung nachhaltiger zu gestalten.

Mit Blick auf den Klimawandel setzen wir insbesondere auf lokale und regionale Beschaffung, um robustere Lieferketten aufzubauen. Deshalb arbeiten wir beispielsweise in unseren Metro-Ländern eng mit Lieferanten und Landwirten zusammen und bieten regelmäßig Schulungen zu Themen wie Pflanzenschutz, Nacherntetechnik oder Ernährungsmanagement an." 

© etailment
Das Unternehmen will bis 2030 Treibhausgasemissionen der Kategorie 1 (wie Fluorgase aus der Kühlung in den Großhandelsmärkten) und 2 (Emissionen aus bezogenem Strom) bis 2030 um 60% pro Quadratmeter Verkaufs- und Lieferfläche gegenüber dem Basisjahr 2011 reduzieren.

Zuschläge für Pakete? Aber ja.

Und der Onlinehandel?

Könnte von Zalando lernen. Kreislaufwirtschaft über die Wiederverkaufsplattform Wardrobe. Optimierte Zustellung, auch durch Einbindung lokaler Handelspartner, um Transportwege aus weit entfernten Zentrallagern zu vermeiden. Und es geht um die Vermeidung von Retouren. Hier soll Künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um die Kunden die möglichst passende Ware auszusuchen, die er dann nicht mehr zurückschicken muss.

Der ökonomische und ökologische Retourenirrsinn könnte man allerdings auch anderweitig weniger irrsinnig machen - wenn man sich an DPD, Hermes und UPS orientiert. Diese drei Logistiker werden im aktuellen Weihnachtsgeschäft Zuschläge für Onlinesendungen verlangen. Bei DPD sind das 75 Cent für jede Zustellung. Hermes erhebt einen "Peak-Zuschlag", und der gilt auch für Retouren. Die genaue Höhe der Aufschläge würden noch mit den Geschäftskunden verhandelt.

Was die Onlinehändler daraus machen, ist ihre Sache. Sie können die Aufschläge wegkalkulieren und die Kunden weiterhin kostenlose beliefern. Sie könnten aber auch diese Gebühren als Auftakt für ein verändertes Zustellsystem interpretieren und die kostenlosen Bringdienste insgesamt in Frage stellen. Es geht um 75 Cent pro Paket.

Dass das eine Witzgebühr ist, sollte jedem zu vermitteln sein.
Sogar einem Zalando-Aktionär.

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