Mit allen Sinnen will Intersport künftig seine Kunden ansprechen. Ob diese die moderne Technik im Laden auch wollen, wird gerade in Berlin getestet. Etailment hat sich eine dieser Pilotfilialen angesehen und die neue Form des Verkaufens ausprobiert.

Etwas Magisches hat der mächtige Spiegel in der Tat. Gewiss, der Kunde kann sich darin betrachten, aber das ist ja nichts Besonderes und gehört zu jeder ordentlichen Umkleidekabine. Dieser Spiegel hier ist ein multimediales Gerät, wo Bilder von Produkten aufpoppen, Warenverfügbarkeit überprüft werden kann - und mit dem man per Tastendruck eine Verkaufsberaterin herbeirufen kann.

Zack, kaum gedrückt, leuchtet schon die Botschaft auf: "Ein Verkäufer ist auf dem Weg zu Ihnen." Das stimmt hoffnungsfroh. Und glücklich wird man, wenn die Verkäuferin nach wenigen Sekunden vor einem steht. An ihrer Seite baumelt eine Tasche, in der ein Tablet-PC steckt, an ihrem Arm trägt sie eine Smartwatch, über die sie den Einsatzbefehl aus der Umkleidekabine empfangen hat.

Ist auch nötig, was möglich ist? Das muss getestet werde.

So kann modernes Einkaufen funktionieren, denn wer in der alten Welt in einer Umkleidekabine einen Verkäufer wünscht, wird Schwierigkeiten haben. Soll man laut rufen? Auf Socken in den Laden laufen und winken? Also hat so ein magischer Spiegel schon Sinn.

Digitale Welt: Intersport im Alexa

Intersport testet seit wenigen Wochen, wie viel Digitales die Kunden wollen, ob alles, was möglich ist, auch nötig ist. Drei Filialen der eigenen Voswinkel-Kette sind dafür die Pilotläden, zwei in Berlin, einer in Potsdam. "Wir sprechen mit dem neuen Storekonzept die Sinne unserer Kunden auf allen Kanälen an. So emotional muss der Sporthandel der Zukunft aussehen", sagt Kim Roether, Chef der Verbundgruppe.

1066 Quadratmeter, die auch der Industrie gefallen

Die Voswinkel-Filiale im Berliner Einkaufszentrum Alexa wurde für die neue Zeit komplett neu gestaltet, das Düsseldorfer Designbüro Schwitzke hat auf 1.066 Quadratmetern eine ästhetische Einkaufswelt geschaffen. Und an der haben Hersteller wie Nike so sehr Gefallen gefunden, dass sie an diese Stelle gerne wieder Waren liefern, weil sie hier ihre Produkte angemessen präsentiert sehen.
Berühr' mich: Laufschuhauswahl per Touchscreen
© Intersport
Berühr' mich: Laufschuhauswahl per Touchscreen
Das sind etwa neue Sneaker, "die wir lange nicht mehr bekommen hatten", wie Filialleiter Christian Schulz sagt. Die Industrie diktiert heute dem Handel immer mehr die Bedingungen, wie die Waren und Marken angemessen dargestellt werden. Bei Nichtgefallen gibts Liebes-, also, Warenentzug.

Sortiment wurde entschlackt

Was Schulz auch sagt: In der neuen Intersport-Filiale im Alex gibt es jetzt weniger zu kaufen. Das Sortiment wurde um 40 Prozent zurückgefahren, alles, was nur sporadisch gekauft wird, flog raus. Ausrüstung für Racketsport, etwa, sportwissenschaftlich Rückschlagspiele genannt, wie Badminton, Tennis, Squash. Und wer jetzt in Herbst/Winter Bademoden hier kaufen will, muss ebenfalls woanders hingehen. Bikinis gibts wieder, wenn es warm ist.
Dafür besticht der Laden durch viel Raum und Luft, die Umkleidekabinen sind so groß und bequem, dass man sich darin auch paarweise umkleiden könnte.

Der Schuhscanner tritt gegen das Laufband an

Das sind die einen Sinne - Komfort. Die anderen, von denen Roether spricht, werden in der digitalen oder multimedialen Welt angesprochen. Etwa bei der Laufschuhvermessung. Bisher tapsen Kunden in Sportgeschäften auf Laufbändern herum, um hinterher auf dem Video anhand des Laufstils zu begutachten, welchen Schuh man benötigt. Das ist gut, wenn man auf einem Laufband sicher laufen kann. Schlecht ist, wenn  der Kunde damit nicht klar kommt. Dann ist die Aufnahme nicht besonders hilfreich.

In der Intersportfiliale steht der Kunde auf einem Scanner, das Gerät vermisst den Fuß des Menschen und liefert fix eine 3D-Aufnahme, auf der man gut sehen kann, was alles falsch ist bei der jeweiligen Orthopädie. Der Laufbandbefürworter wird hier allerdings einwerfen: Moooment, der Kunde steht doch nur. Vielleicht ist ja alles in der Bewegung ganz anders. 

Technik, die das Personal begeistert

Filialleiter Schulz sagt, dass der Schuhscanner von den Kunden gut angenommen werde. Er sagt auch, dass das Personal keinerlei Berührungsängste mit der neuen Technik habe. Denn neuerdings werden ja besagte Tablet-PCs und Smartwatches getragen.

Die Tablets sind Bestandteil einer "'Warendrehscheibe". Findet der Kunde im Alexa oder in den anderen beiden Pilotfialen nicht den passenden Schuh, kann dieser vielleicht bei Intersport Olympia in Potsdam bestellt werden, mit dem alle drei Häuser verknüpft sind. Ziel: Alles soll jetzt immer vorhanden sein, auch, wenn es nicht der Laden ist, in dem sich der Kunde gerade befindet. 
Damit die Menschen immer das finden, was sie in ihrer Stammfiliale suchen, werden die Sortimente anhand von Kundendaten zusammengestellt.

Virtuelle Realität als moderner Spielplatz

Selbstverständlich bietet auch Intersport Virtuelle Realität (VR). Irgendwie gilt so etwas aktuell als das heißeste Ding im Handel, Saturn hat am Montag gar einen eigenen VR-Shop vorgestellt. Martin Wild, Digitalchef von Media-Markt-Saturn glaubt jedenfalls, dass VR "einen starken  Einfluss auf das Thema Shopping haben wird".
Der magische Spiegel: Einkaufshelfer bei vielen Problemen
© Intersport
Der magische Spiegel: Einkaufshelfer bei vielen Problemen
In der Alexa-Filiale muss man diese Technik weniger als Modul des Verkaufs ansehen, hier kann man sich am Erlebnis der virtuellen Welt berauschen. Wenn man denn in der Lage ist, mit den beiden Controllern einen Basketball zu greifen und diesen in den Korb zu werfen. Blöd sieht es aus, wenn man nur einen Wurf hinbekommt, der den Ball wie eine Bowlingkugel über den Boden holpern lässt.

Die Filiale ist auch ein Warenlager, das der Kunde aber nicht sieht

Aber so ist die digitale Welt, dieses Neuland muss auch erst noch der Kunde verstehen. Dafür hat er ein schönes Gefühl an der flotten Kassenzone, an der Sportvideos flimmern. "Pro Place" heißt das jetzt. Und auf dem "Action Place" wechseln die Themen. Ansonsten gibt es in dieser neuen digitalen Intersportwelt Touchscreens und Hologramme - eben alles, was zum Zeitgeist gehört.

Was auch dazugehört ist, was der Kunde nicht sieht: Die Intersport-Läden sollen ja auch Logistikzentren für den Onlinehandel werden. "Unser Filialen sind künftig kleine Warenlager", hatte Carsten Schmitz, der Digitalchef der Verbundgruppe, einst zu Etailment gesagt. 

Zehn Onlinebestellungen täglich


Seit wenigen Wochen ist das alte, erfolglose Onlinehandel-Modell Vergangenheit, ab jetzt will Interport via Plattform zeigen, dass auch eine Verbundgruppe E-Commerce beherrscht. Fünfzig bis sechzig Händler sollen bereits bis Ende des Jahres daran beteiligt sein und der Beginn eines neuen, großen Versandsystems sein.

Die Filiale im Alexa gehört dazu. Im Warenlager steht dafür die Hardware bereit, wie Packtisch und Etikettendrucker. Gut zehn Bestellungen täglich gehen hier ein, teilweise auch aus weit entfernten Orten in der hessischen Rhön, weil es eben für den entsprechenden Kunden dort keinen näher gelegenen Versender gibt. Aber online ist es ja egal, ob das T-Shirt aus einem Geschäft in Eichenzell kommt.
Bis das Paket in einer Versandtasche des Logistikers DPD auf die Reise gehen kann, vergehen gerade einmal zehn Minuten, das schafft die Mitarbeiterin aus der Warenannahme noch mühelos neben ihrer Kernarbeit.

Sollte das Onlinegeschäft jedoch brummen, muss Filialleiter Schulz sein Personal neu ordnen. "Ab 50 bis 60 Bestellungen am Tag müsste ich einen zusätzlichen Mitarbeiter einstellen."

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