Was drei Onlinegamer vor anderthalb Jahrzehnten auf die Beine stellten, ist heute die erste Adresse im Schweizer Onlinehandel. Der erste ausländische Shop von Digitec Galaxus soll in diesem Jahr in Deutschland eröffnet werden. Was kann man von dem Schweizer Top-Player erwarten?

Der genaue Termin wird immer noch geheimgehalten, wenn er denn schon feststeht. Aber ganz sicher soll es in diesem Jahr sein, versichert Florian Teuteberg, Chef und Gründer von Digitec Galaxus, auf Anfrage von Etailment. Dabei liegt die Ankündigung, dass der größte Onlinehändler der Schweiz 2018 auch einen deutschen Shop eröffnen will, nun auch schon wieder fünf Monate zurück.

Doch die Internationalisierung im Onlinehandel birgt eben oft mehr Tücken, als ein Unternehmen vorhersehen kann. Davon können genug deutsche Händler berichten, wie etwa Connox  aus Hannover. Zumal es der erste Galaxus-Shop außerhalb der Schweiz sein soll, und wenn es hier läuft, dann "werden wir in weitere Länder expandieren", sagt Teuteberg, der schon weiß, worauf er sich jetzt einlässt: "Wir springen in ein Haifischbecken."

Gegründet von drei Kumpels

Digitec Galaxus vereint zwei Versender. Digitec ist der Spezialist für IT, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation. Galaxus bietet als Onlinekaufhaus 13 Sortimente wie Haushalt, Wohnen, Baby und Kind sowie Beauty und Gesundheit.

Gegründet wurde das Unternehmen als Digitec im April 2001 von den drei Kumpels und Onlinespiele-Anhängern Teuteberg, Oliver Herren und Marcel Dobler, keiner war damals 25 Jahre alt. Das Startsortiment waren PCs, IT-Zubehör und später Unterhaltungselektronik. Das Online-Warenhaus mit dem Namen Galaxus entstand im Jahr 2012. Zwei Jahre später ging der dritte Onlineshop für beide Plattformen ans Netz. 2015 heißt das Unternehmen offiziell Digitec Galaxus.

Seit 2015 hält Migros  70 Prozent der Anteile von Digitec Galaxus. Und darüber will der größte Einzelhändler der Schweiz ins Ausland expandieren. 

Auch ein Technologieunternehmen

Die Zentrale von Digitec Galaxus befindet sich heute in Zürich, das Logistikzentrum mit 46.000 Quadratmeter Fläche in Wohlen im Kanton Aargau. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen über 1.000 Mitarbeiter. Allein 100 arbeiten in der Zentrale im Bereich Softwareentwicklung, denn auch für die Schweizer ist ein moderner Onlinehändler auch ein Technologieunternehmen.

Digitec-Werbekampagne: So lustig können Kundenkommentare sein
© Digitec Galaxus
Digitec-Werbekampagne: So lustig können Kundenkommentare sein
Im Jahr 2017 betrug der Gesamtumsatz von Digitec Galaxus umgerechnet 734 Millionen Euro, das war ein Plus von 19 Prozent. Erstmals boten die Schweizer ingesamt eine Million Produkte online an.

Bei der Übersicht über die besten 100 Onlinehändler der Eidgenossen führt Digitec mit 515 Millionen Euro Umsatz (2016) klar die Tabelle an. Es folgten der Schweizer Shop von Zalando (457 Millionen Euro) sowie der deutsche Shop von Amazon (406 Millionen Euro). Galaxus rangiert auf Platz 10 mit 87 Millionen Euro.

Amazon in der Schweiz? Nur noch eine Frage der Zeit!

Dass die Nachbarn etwas anders einkaufen, beweist der Blick auf die weitere Übersicht der Top-100: Hier rangiert der französische Shop von Amazon auf Platz 15 (52 Millionen Euro), sogar auf Amazon.com bestellen die Schweizer, diese Seite liegt auf Rang 18 (47 Millionen Euro).

Eine .ch-Seite von Amazon sucht man vergebens, aber bis sich das ändert, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. "Die Anzeichen für den Markteintritt haben sich ihn den letzten Monaten verdichtet", sagt Galaxus-Chef Teuteberg, "wir sind entsprechend gewappnet".

Amazon und die Schweizer Post

Seit Ende 2017 ist die Rede von einer Kooperation von Amazon mit dem Schweizer Post mit dem Plan einer Lieferung innerhalb 24 Stunden. Der deutsche Chef des Online-Riesen, Ralph Kleber, verkündete bereits vielsagend im Wirtschaftsmagazin "Bilanz": "Mit Sicherheit schauen wir nicht an der Schweiz vorbei. Der Schweizer Kunde ist extrem wichtig. Amazon möchte ihn nicht enttäuschen."
Der Verdrängungswettbewerb unter Schweizer Onlinehändlern dürfte mit dem Markteintritt von Amazon an Schärfe gewinnen - kein Wunder, dass Digitec Galaxus neue Geschäftsfelder erschließen möchte. Schrittweise wolle man den deutschen Markt angehen, sagt Teuteberg. Das Sortiment auf galaxus.de soll nicht deckungsgleich mit dem Angebot in der Schweiz sein. Und wenn dieselben Produkte angeboten werden, dann sind Preisunterschiede möglich.

"Galaxus ist nicht nur eine Preissuchmaschine"

Die Frage ist, was will ein Schweizer Onlinehändler im deutschen Markt Markt, der zuerst von Amazon und schon deutlich weniger von Otto und Zalando beherrscht wird? "
Wir haben nicht vor, eine Amazon- oder Otto-Kopie zu lancieren. Mit Amazon und anderen internationalen Konkurrenten müssen wir uns aber messen können; egal ob in Deutschland oder in der Schweiz," sagt Teuteberg.
Logistikzentrum von Digitec Galaxus: 46.000 Quadratmeter Fläche
© Digitec Galaxus
Logistikzentrum von Digitec Galaxus: 46.000 Quadratmeter Fläche
Zuerst will Digitec Galaxus mit dem starken Elektroniksortiment den deutschen Markt bedienen, der Rest soll nach und nach folgen. Also auch Windeln, Lippenstifte, Sofas und Skateboards. Dem deutschen Kunden werden niedrige Preise, gepflegtes Sortiment und ein lustvolles Einkaufserlebnis versprochen. "Galaxus ist nicht nur eine Preissuchmaschine, sondern eine insprierende, unterhaltende und informative Plattform, an der die Besucher aktiv teilhaben können. Dafür sehen wir auch international einen Markt", beschreibt Teuteberg sein Geschäftsmodell.

Das Einkaufsportal für den gediegenen Onlinekunden

Die Schweizer sehen den deutschen Onlinekäufer keineswegs als Schnäppchengeier, deswegen will man sich mit einem hochwertigen "Produktuniversum und einer lebendigen Internetseite" von der Konkurrenz unterscheiden. Galaxus will sozusagen Onlinehandel für den gediegenen Qualitätskunden anbieten - preislich werde sich aber an den günstigen Mitbewerbern orientiert, heißt es.

Immerhin: Schöner als die Amazon-Webseite ist der Webauftritt von Galaxus allemal. Ob das aber reicht? Die Schweizer wissen, dass ihr Markteintritt in Deutschland teuer sein wird, denn die hier praktisch unbekannte Marke muss erst einmal beworben werden. Auch die neu aufzubauende Logistik wird viel Geld verschlingen, weniger hingegen die Programmierung und Gestaltung der Seite als solche, denn die soll fast identisch mit der Schweizer Variante sein.

Den deutschen Markt von Hamburg aus steuern

Der deutsche Auftritt von Galaxus soll von Hamburg aus gesteuert werden. Aus der Schweiz übernommen wird das Händlerprogramm, bei dem Drittanbieter über Galaxus Produkte in ihrem eigenen Namen verkaufen können.
Dieses klassische Marktplatz ist in den Galaxus-Onlineshop integriert, Galaxus fungiert als Vermittler, verwaltet die Produktdaten der Händler, administriert Bestellungen und übernimmt den gesamten Bezahlungsprozess - und verdient Provision. Die Händler bekommen die Bestellungen weitergeleitet und schicken das bestellte Produkt direkt an die Kunden.

Keine stationären Läden geplant

Interessant ist, dass Galaxus einen großen Teil der Beiträge der Schweizer Community auf der deutschen Seite abbilden will, also Kommentare und Bewertungen zu Produkten, die sowohl bei .ch als auch bei .de zu bestellen sind. Das könnte den Erkenntnisgewinn deutscher Kunden erheblich vergrößern - und umgekehrt.

Was Galaxus für Deutschland erst einmal nicht vor hat, sind stationäre Läden. In der Deutsch- und Westschweiz betreibt das Unternehmen insgesamt zehn Filialen, die als Abhol- und Rückgabe-Standorte dienen. Zudem wird dort Beratung angeboten. Beides sind für Galaxus-Chef Teuteberg gute Argumente im Kampf gegen Amazon in der Schweiz.

Dass man sich in Deutschland erst einmal auf das Onlinegeschäft konzentrieren muss, um gegen Amazon halbwegs zu bestehen, ist logisch - wann immer dieser Wettbewerb beginnt.

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