Nun geht es Schlag auf Schlag: Die Automobilhersteller legen den Schalter um und liefern endlich alltagstaugliche Elektrofahrzeuge. Eine Übersicht:

Wir schreiben das Jahr 1991: Fiat lässt ungezählte, schneeweiße Busse vollbeladen mit Journalisten aus aller Herren Länder und von Polizeimotorrädern eskortiert kreuz und quer durch Rom brausen. Ziel der spektakulären „Sternfahrt“ ist das legendäre Filmareal Cinecittà, wo der damals noch mächtige Konzern seinen neusten Kleinwagen „Cinquecento“ präsentiert.

Irgendwo auf dem weitläufigen Gelände steht auch eine Elektroversion des Wägelchens zur Probefahrt bereit. Zwei Sitze, der Rest riesige Batterien, die für einige Meter Reichweite sorgen. „Das ist die Zukunft“, verkünden die Italiener ebenso stolz wie überzeugt.

Schließlich prophezeien damals schon alle Trendforscher die Bevölkerungsexplosion in den Megametropolen sowie den damit einhergehenden Verkehrs-, Atemluft- und Lärmkollaps.

E-Mobile waren bislang meist nur Feigenblatt

Die Prognosen zur Entwicklung der Städte sind tatsächlich eingetreten, die Ballungszentren buchstäblich dicht – das Elektroauto ist aber fast 30 Jahre nach dieser frühen Begegnung mit dem alternativen Antrieb noch immer Zukunft statt gelebte Gegenwart. Schließlich haben die Hersteller seit der visionären Studie von Rom bevorzugt margenträchtige PS-Protze und Geländewagen an die Kundschaft gebracht.
E-Mobile waren zwar gelegentlich mal mehr, meist aber weniger im Gespräch – und wenn, dann als Feigenblatt zur Aufbesserung der Imagewerte, oder, um in diversen Regionen lokale Emissionsgrenzen einzuhalten.

Mobilität: Diese Elektroautos kommen bald auf die Straße


Erschwerend kommt hinzu: Das bisherige Angebot ist entweder zu teuer (Tesla), zu unpraktisch (BMW) oder zu spartanisch (Renault), obwohl das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle aktuell bereits 139 förderwürdige Elektro-Varianten und 54 Plug-in-Hybride auflistet.
Zum Stichtag 1. Januar 2019 zählte das Flensburger Kraftfahrtbundesamt, trotz dem seit 2016 gewährten „Umweltbonus“, denn auch lediglich 83.175 Elektro-Pkw auf Deutschlands Straßen – bei einem Gesamtfahrzeugbestand von 64,8 Millionen.

Europas "Auto des Jahres" fährt mit Akku

Aber jetzt: Jetzt beginnt tatsächlich die Zukunft! Nicht nur, dass mit dem Jaguar I-Pace nach dem Nissan Leaf (2011) und dem Opel Ampera (2012) soeben bereits das dritte E-Mobil zum europäischen „Auto des Jahres“ gekürt wurde. Wie verabredet, schieben die Automobilhersteller auf breiter Front plötzlich auch Gefährte mit Stecker ins Rampenlicht.
Das Timing kommt nicht von ungefähr. Die verschärften CO2-Vorgaben lassen grüßen. Ab dem kommenden Jahr gilt nämlich ein Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer für alle neu zugelassenen Pkw. Und der ist ohne Elektroantriebe in der Verkaufsflotte nicht einzuhalten. Zuletzt stieg der Durchschnittswert sogar wieder leicht an, auf 127,9 g/km.

Steuerliche Förderung für Dienstwagen

Zudem: Für dienstlich genutzte Fahrzeuge mit Elektroantrieb wird bei der Pauschalbesteuerung für Privatfahrten seit dem 1. Januar 2019 nur noch 0,5 Prozent statt bislang 1 Prozent des Bruttolistenpreises angesetzt.
Die Senkung findet ebenso für Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz Anwendung. Nach einem Beschluss des Finanzausschuss des Bundestags gilt diese Änderung für alle bis zum 31. Dezember 2022 zugelassenen Elektroautos.

Plug-in-Hybride werden von der Regelung ebenfalls erfasst, wenn sie mindestens 40 Kilometer rein elektrisch fahren können und nicht mehr als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Für Dienstwagennutzer ein lockendes Angebot, das den Markt zusätzlich stimulieren dürfte.
Die jüngste Frühjahrsmesse in Genf stand denn auch regelrecht unter Strom. Und das sind diesmal nicht nur Vorzeigeprojekte, die gleich wieder in der Asservatenkammer verschwinden, sondern alltagstaugliche, mutmaßlich auch finanzierbare Modelle fürs Business.

Emissionsfrei zum Kunden

Allen voran der VW Passat Variant Plug-in-Hybrid, der mit einem umfangreichen technischen Update nach den Wolfsburger Werksferien im Spätsommer endlich wieder lieferbar ist. Die elektrische Reichweite wurde auf 55 Kilometer (gemessen nach WLTP-Zyklus) erhöht. Damit ermöglicht Deutschlands Dienstwagen Nummer eins im innerstädtischen Bereich emissionsfrei etliche Kundenbesuche und eignet sich mit seinem Ottomotor gleichzeitig für die Langstrecke.

Die Kombination aus Elektro- und Benzinantrieb mit aufladbarer Batterie kommt in diesem Jahr auch für den Skoda Superb Combi und im nächsten für den Peugeot 508. Eine regelrechte „Plug-in-Offensive“ ruft Audi aus. Die Top-Modelle A 8, A 7 Sportback, A 6 und der Geländewagen Q 5 sollen noch in diesem Jahr mit einem zusätzlichen E-Antrieb zur Verfügung stehen. Der Akku ermöglicht, laut Hersteller, 40 Kilometer Reichweite.

Je nach Modellreihe besteht die Wahl zwischen zwei Versionen mit unterschiedlicher Leistung und Ausstattung: Ein Komfort-Modell und eine sportlich konfigurierte Variante. Die neuen Plug-in-Hybrid-Modelle tragen das Signet „TFSI e“. Die bislang verwendete Bezeichnung „e-tron“ bleibt den ausschließlich elektrisch angetriebenen Autos vorbehalten, die im Stile der Studie Q 4 (siehe Bildergalerie) alsbald folgen sollen.

Dabei versuchen die Bayern auch gleich das Recyclingproblem zu lösen: Im Stammwerk Ingolstadt erprobt Audi mit gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien angetriebene Flurförderfahrzeuge.

Sogar Jeep, Land Rover und Alfa Romeo mit Stecker

Selbst kultige Urgesteine der Szene, wie Jeep, Land Rover oder Alfa Romeo, fahren nun mit Stecker in die Neuzeit. Bei der amerikanischen Marke gehen zunächst die Modelle Renegade und Compass ans Stromnetz. Die Briten starten mit dem Range Rover P 400e. „Ab 2020 werden dann alle Baureihen elektrifiziert sein“, kündigt Deutschland-Geschäftsführer Jan-Klas van der Stelt an.

Die 109 Jahre alte Marke Alfa ist mit dem Konzept-SUV „Tonale“ ebenfalls auf dem Weg in die Plug-in-Serienfertigung. Der moderne Mensch fährt eben nicht nur in der City sondern auch im Unterholz lautlos.

Alltagstaugliche Reichweiten

Richtig spannend geht es nun bei den rein batterieelektrisch betriebenen Pkw zu, die jetzt alltagstaugliche Reichweiten über 300 Kilometer versprechen. Kia fährt hierbei mit dem e-Niro und der zweiten Soul-Generation schon vorneweg.

Für den Nissan Leaf, weltweit meistverkauftes E-Auto,  haben die Japaner einen leistungsfähigeren Akku im Angebot, damit liegt der versprochene Aktionsradius bei 385 Kilometern. Bis 2022 soll sich der Absatz elektrifizierter Fahrzeuge bei Nissan verfünffachen und ihr Anteil an den Verkäufen des Herstellers doppelt so hoch wie im Marktdurchschnitt liegen.

Noch konsequenter gibt sich Honda. In Europa wollen die Japaner ab 2025 nur noch Elektrofahrzeuge anbieten. Die Daimler-Tochter Smart will das schon bis zum nächsten Jahr umsetzen. Dann sollen auch klassische Kleinwagen, wie der Opel Corsa und der Peugeot 208, ebenfalls als Akkuautos unterwegs sein.

Und schließlich strebt Weltmarktführer Volkswagen mit ganzer Macht, eigener Elektromarke, einer Flotte vom Strandbuggy bis zum Transporter "eCrafter" sowie den Töchtern Audi, Porsche, Skoda und Seat an die Ladesäulen.

Jetzt feht es "nur" noch an der Ladeinfrastruktur

Wenn die denn irgendwo zu finden sind. Denn das dritte Hindernis auf dem Weg in die Elektroepoche ist längst noch nicht aus dem Weg geräumt. Nachdem die Reichweite kontinuierlich steigt und die Einstiegstarife in die E-Welt langsam sinken, mangelt es nämlich noch immer an der Ladeinfrastruktur. Volkswagen hat das Problem erkannt und baut ab 2020 im Werk Hannover selbst eine flexible Schnellladestation. Die kann gleichzeitig bis zu vier Fahrzeuge nach dem Prinzip einer Powerbank laden und grünen Strom zwischenspeichern.

Das wird aber kaum reichen, wenn die Stromversorgung die neue Elektrowelle ins nächste Mobilitätszeitalter tragen soll. Jetzt sind Politik und Energielieferanten am Zug. Schon seit geraumer Zeit liegt der Vorschlag auf dem Tisch, den bei weitem nicht ausgeschöpften „Umweltbonus“ in die Ladeinfrastruktur zu investieren. Sonst gibt es viele saubere Autos, aber keine Stecker und die Zukunft muss doch wieder warten…

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