Das Auto als mobile Device? Diese Vision wird in zwei Jahren Realität, so die Prognose. Internetzugang, Apps und Sprachsysteme können den Fahrer entlasten und ihm Daten zuspielen, für die er bisher einen PC benötigt. Und manche Transporter werden bald Kommunikationswunder sein. Das ist erst der Anfang.

Ob "Digilab", "IT-Entwicklung" oder "Kompetenzzentrum" – es gibt praktisch keinen Automobilhersteller, der in diesen Tagen nicht mit großem Eifer an digitalen Angeboten tüftelt, um für sich künftig das vermeintlich lukrative Zusatzgeschäft mit Mobilitätsdienstleistungen zu sichern.

So hat der Volkswagenkonzern gerade erst Lissabon als Softwareentwicklungszentrum auserkoren, um cloudbasierte Lösungen zur weiteren Digitalisierung der Unternehmensprozesse und zum vernetzten Fahrzeug voranzutreiben. Dreihundert IT-Experten sollen in Portugals Hauptstadt wirken. Eine weitere "digitale Denkfabrik" haben die Wolfsburger zudem soeben in Israels pulsierender Metropole Tel Aviv aufgemacht. Auch Leasinganbieter (siehe Kasten), Telematikspezialisten, Start-ups – und natürlich die US-Tech-Giganten Google und Amazon mischen mit.

Es geht um mehr Effizienz im Fuhrpark

Und so ist das Angebot an Apps und Plattformen, die stets "mehr Effizienz im Fuhrpark" versprechen, schon jetzt schier unübersichtlich. Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey wird sich das Umsatzvolumen von digitalen Services rund um das Automobil in den kommenden 15 Jahren um den Faktor 70 erhöhen.
Mercedes A-Klasse: Intelligenter Autofahren
© Mercedes
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Damit stehen auch den Autohäusern neue Möglichkeiten offen. Beispielsweise kann ein Fahrzeughändler, der im Portal als "bevorzugter Servicepartner" hinterlegt wird, dem Kunden individuelle Angebote für Termine unterbreiten und ihn stärker an sich binden. Zudem ergeben sich Chancen auf Zusatz- und Folgegeschäfte, da der Betrieb regelmäßiger mit dem Kunden in Kontakt steht.

Vier Vernetzungs-Trends

Auch die Auslastung der Werkstatt lässt sich effizienter planen, weil der Servicepartner vom Fahrzeug frühzeitig über anstehende Servicearbeiten informiert wird. Mit Blick auf die weitere Entwicklung sind sich die Experten auf jeden Fall einig: "2020 werden 90 Prozent der Neufahrzeuge vernetzt sein", sagt Gabriel Seiberth vom Strategie- und Technologieberatungsunternehmen Accenture Digital voraus und macht dafür vier Trends verantwortlich:

  • Leistungsfähigere Netzwerke, künftig mit 5 G-Standard
  • Immer mehr Sensoren in den Fahrzeugen
  • Große Datenmengen über die Cloud
  • Künstliche Intelligenz wächst beständig

Vor allem in der Sprachbedienung sehen die Marktbeobachter die Zukunft. So wie Jürgen Seitz: "Es wird normal werden, dass wir einen digitalen Sprachassistenten einbinden, sogar in Gesprächen. Schon bald wird kein Auto mehr ohne einen smarten Sprachassistenten verkaufbar sein", sagt der Professor für Marketing, Medien und digitale Wirtschaft an der Hochschule in Stuttgart im Gespräch mit meedia.de und fügt an: "In Zukunft sollte die Natürlichkeit des Sprachverhaltens auch unser emotionales Verhältnis zu Computern verändern. Mein zweijähriger Sohn ist heute bereits der Überzeugung, dass Okay, Google der Bruder von Alexa ist."

Skoda forscht im Digtallabor in Prag

Während Mercedes-Benz bei seiner Multimediaeinheit mit den Namen "MBUX", die in der kompakten A-Klasse debütierte, auf die Spracherkennungssoftware des Kooperationspartners Nuance setzt, arbeiten zahlreiche Hersteller an der Integration von "Alexa" ins Auto. Ford, Hyundai und Nissan bieten zunächst allerdings nur in den USA Dienste an. BMW will dem Vernehmen nach ab Mitte des Jahres auch hierzulande neue Modelle entsprechend ausstatten. 

Die Volkswagen-Tochtermarken Skoda und Seat sind schon einen Schritt weiter. Im mit 30 Spezialisten besetzten "Digilab" in Prag wurden soeben erste Skoda-Skills, vergleichbar mit Apps  auf dem Smartphone, entwickelt und können bereits angewendet werden. "Aktuell starten wir mit einer Beta-Testphase. Dabei sind Anfragen zur Verkehrssicherheit und zur Fahrzeugortung integriert", erklärt Peter Lorenzen, der beim Deutschland-Importeur mit Sitz in Weiterstadt für die Digitalisierung verantwortlich zeichnet.

In den Seat-Modellen Leon und Ateca ist der interaktive Sprachassistent von Amazon schon zu haben. Aktuell werden die kleineren Fahrzeuge Ibiza und Arona vorbereitet. Besitzer eines Amazon Echo oder Echo Dot können auf den Seat-Skill zugreifen und damit per Sprachsteuerung oder in der Alexa-App Produktinformationen erhalten oder eine Probefahrt vereinbaren. Die Spanier nutzen diese Funktionen als weltweit erster Automobilhersteller. Als Zubehör gibt es aber auch bereits Adapter von Muse, Anker, Garmin, Logitech oder Amazon selbst, die die Alexa-Funktionen in unterschiedlicher Ausprägung ins Fahrzeug holen.

Ein Transporter, der kluge Antworten geben kann

Meist stecken die mobilen Anwendungsmöglichkeiten aber noch in den Kinderschuhen. Bis die mitfahrenden Sprachsysteme das volle Programm bieten und beispielsweise online Warenbestellungen (wohl fast zwangsläufig bei Amazon) entgegennehmen und dann auch noch dafür sorgen, dass die Lieferungen direkt im Kofferraum landen, dürfte noch einige Zeit vergehen.
Moderner Skoda: Die Apps zum Auto
© Skoda
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Björn Sack, Leiter Connectivity und Digitalservices bei Mercedes-Benz Vans, kündigt anlässlich des laufenden Marktstarts der dritten Sprinter-Generation schnelle Fortschritte an: "Das ist erst der Anfang. Wir werden das Portfolio kontinuierlich erweitern." Die neuen Transporter hören ebenfalls auf ihre Fahrer, können kluge Antworten geben und bieten darüber hinaus schon jetzt acht Pakete mit 18 unterschiedlichen Dienstleistungen. 

Das intelligente Auto ist auch mit dem Internet verbunden

Dem dynamischen Mercedes-Manager stehen in seiner noch jungen Kreativabteilung allein für den Transporterbereich schließlich 180 Mitarbeiter zur Verfügung. Daimler nimmt den Wettbewerb mit den IT-Koryphäen aus dem Silicon Valley augenscheinlich ernst.
Doch das intelligente  Auto folgt nicht nur aufs Wort, es hält stets auch Anschluss an das World Wide Web. Vielfach lässt sich eine App aktivieren, mit der sich beispielsweise auf dem Smartphone der Fahrzeugstatus, etwa die Reichweite der Tankfüllung oder der Standort, checken lassen. Das ergibt bei Flottenfahrzeugen Sinn, die häufig von anderen Fahrern genutzt werden. Auch Routen können mit den Systemen geplant und direkt in die Navigation übertragen werden.

Der Autofahrer wird zum User einer Digitalwelt

Dass die Fahrzeuge permanent online sind, gehört mittlerweile schon zum guten Ton: Wetterbericht, Börsendaten oder Nachrichten lassen sich so in Echtzeit auf den Bildschirm holen – womit der Fahrer allerdings massiv vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird. Da hilft auch die Vereinfachung der Bedienung durch die Spracheingabe nur bedingt. In der Konsequenz muss das Auto tatsächlich autonom fahren, damit der zum User mutierte Chauffeur die schöne neue Digitalwelt auch in vollen Zügen nutzen kann.

Volvo arbeitet gemeinsam mit Google nicht nur an der Einbettung des sprachgesteuerten Google Assistant sondern auch an weiteren Diensten wie Google Play Store und Google Maps. Dadurch erhält die nächste Generation des Bediensystems "Sensus" Zugriff auf Echtzeit-Karten- und Verkehrsdaten, informiert den Fahrer über die aktuelle Verkehrslage und schlägt eigenständig Alternativrouten vor.

Wenn das Paket in den Kofferraum geliefert wird

  Zudem können sich Volvo-Fahrer in den USA ihre Pakete direkt ins Auto liefern lassen. Für die Lieferung ("In-Car Delivery") benötigen Kunden die Amazon Key App und verbinden ihren Amazon-Account mit ihrem Zugang bei Volvo on Call. Nach Einrichtung und Festlegung eines Zustellorts lässt sich die Lieferoption "ins Fahrzeug" auswählen. Vor der Zustellung werden die Kunden benachrichtigt. Am Tag der Anlieferung sollten sie ihr Fahrzeug im Bereich der Lieferadresse parken, sodass der Fahrer das Paket im geplanten Zeitrahmen zustellen kann. Ob und wann das Konzept auch in Deutschland angeboten wird, steht laut Volvo-Sprecher Olaf Meidt noch nicht fest. 
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Die französische PSA-Gruppe baut bei vernetzten Fahrzeugen auf die Kooperation mit dem Telekommunikationsunternehmen Huawei. Der DS 7 Crossback ist das erste Fahrzeug mit der Technik, die eine vernetzte Navigation, Spracherkennung und ein über den Bildschirm im Armaturenbrett zugängliches Serviceportal bietet. Per Smartphone können Fahrer oder Fuhrparkverwalter zudem den Wartungszustand des Fahrzeugs, die zurückgelegten Strecken und die Daten zum Fahrverhalten abrufen.

Mit dem Corsa in die digitale Zukunft fahren

Zu diesen Funktionen werden sukzessive weitere Dienste für Privatkunden und Flottenmanager hinzukommen, wie zum Beispiel Infotainmentdienste, Software-Aktualisierungen und Navigationskarten, persönliche Assistenzlösungen, Fahrzeugdiagnose und Wartungsfunktionen per Fernzugriff sowie Dienste speziell für Mietwagenfirmen und Carsharingbetreiber.

Mit "Onstar" gehörte Opel zwar zu den digitalen Vorreitern. Doch ab Anfang 2019 werden unter dem Namen "Connect" die neuen Konnektivitätsservices der Konzern-Mutter PSA auch in Pkw und leichten Nutzfahrzeugen der deutschen Traditionsmarke Einzug halten. Eines der ersten Modelle wird die nächste Corsa-Generation sein, die der Hersteller auch als batterieelektrisches Auto anbieten wird. Bis 2024 soll das Angebot für die gesamte Modellpalette zur Verfügung stehen. Parallel zur Einführung der neuen Services läuft die auf der Entwicklung des früheren Opel-Eigentürmers General Motors basierende Onstar-Technologie schrittweise bis Ende 2020 aus.

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