Unternehmer sollten sich hinter ihre Mitarbeiter stellen, das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Edeka Ankermann zeigt jetzt, wie man das auf moderne Art und Weise macht. Der Erfolg für so ein kleines Unternehmen ist gigantisch.

Heute soll es hier nicht um die großen Linien im Einzelhandel gehen, sondern um ein kleines niedersächsische Unternehmen, das dieser Tage mit einer bemerkenswerten Eigenschaft aufgefallen ist: Haltung. Und so etwas ist wichtiger als Umsätze, Marktanteile und Niederknien vor Kunden. 

Dank Edeka Ankermann weiß man, dass so etwas möglich ist. Und nebenbei weiß man jetzt auch, dass es einen Ort gibt, der Groß Schwülper heißt und der in der Samtgemeinde Papenteich im Landkreis Gifhorn liegt. Und dort ist dieser Edeka-Markt ansässig, dessen Inhabern Karl und Ursula Anker­mann letztens der Kragen platzte, weil die es satt hatten, dass es ein paar Kunden gibt, die ihr Personal übelst beleidigen.

Die Botschaft: Uns reicht es

Und weil alle Welt (bis auf Annegret Kramp-Karrenbauer) seit dem Youtuber Rezo weiß, dass die Sozialen Netzwerke heutzutage die legitimen Plattformen bieten, sich aufmerksamkeits- und reichweitenstark auszukotzen, verfassten die Ankermanns auf ihrer Facebook-Seite einen "Hinweis in eigener Sache", der die enorme Frustration des Händlers und dessen Personal deutlich macht. Die Botschaft: Uns reicht es. Also schrieben sie:

"Leider müssen wir seit einigen Monaten aber feststellen, dass sich die Art, Weise und besonders der Ton bei einer sehr geringen Zahl von Kunden geändert hat, was wir gerade in der heutigen Zeit und im Zusammenhang der politischen Entwicklung in unserem Land für außerordentlich bedenklich halten. Da wird teilweise nicht mehr sachlich argumentiert oder sich für die Ansicht der anderen Seite interessiert, sondern es wird beim kleinsten Anlass gepöbelt, geschimpft und beleidigt. Da reicht es einigen bereits, dass am Bäckertresen noch zwei Kunden vor ihnen stehen, um aus der Haut zu fahren. Unsere Mitarbeiter müssen sich als 'lahmarschig' oder 'unfähig' beschimpfen und manchmal sogar als 'Arschlöcher' titulieren lassen. Mit welchem Recht sich es manche Menschen herausnehmen, so mit unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen umzugehen, entzieht sich uns jeglicher Kenntnis und wir haben hierfür keinerlei Verständnis."

Was das für Leute dort sind, in Groß Schwülper, die sich beim Einkaufen derart aufführen, möchte man gerne wissen. Wie gehen diese Menschen sonst miteinander um? Was haben diese Menschen für charakterliche oder emotionale Abgründe, um wegen derartigen Kleinigkeiten in einem Supermarkt sich so ehrverletztend aufspielen zu müssen? Bemerkenswert ist, dass die Ankermanns hier sogar den großen gesellschaftlichen Bogen schlagen und ihren Hilferuf in "Zusammenhang mit der politischen Entwicklung in unserem Land" setzten. Pöbeln und Niedermachen als neue Grundierung des Diskurses, machen sie aus. Und dagegen haben sie etwas.

Bei der Europawahl wurde übrigens im Landkreis Gifhorn die CDU mit 31,6 Prozent der Stimmen mit Abstand stärkste Partei, die AfD lag mit 9,8 Prozent auf Platz vier. Nur am Rande. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Die Ankermanns wollen nun diese Pöbler nicht mehr in ihrem Laden haben. Es ist, wenn man so will, ihre kleine Antwort auf die veränderte gesellschaftliche Stimmung, in der Pegida-Demonstranten Galgen für Politiker durch die Straßen tragen oder anderswo Ausländer über den Asphalt gehetzt werden.

"Wir werden es daher nicht mehr länger akzeptieren, dass diese Menschen, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, von einer absoluten Minderheit der Kunden derart behandelt werden. Wir werden zukünftig bei solchen Vorfällen von unserem Hausrecht Gebrauch machen und notfalls Hausverbot erteilen. Gezielte persönliche Beleidigungen werden wir zur Anzeige bringen."

Respekt. Es werden gewiss nicht viele Groß Schwülper sein, die den Edeka-Verkäufern das Leben schwer machen - aber selbst diese Minderheit reicht den Ankermanns schon. RAUS! EUER GELD WOLLEN WIR NICHT! Wenn es nur überall so einfach wäre mit dem Hinauswerfen. 

Die Ankermanns sind seit ihrem Hilferuf die Helden der Supermärkte. Die klassischen Medien berichten, und gut 37.300 Likes bei Facebook sowie rund 4.700 Kommentare sind in der Summe eine gigantische Bilanz. Der Tenor der Wortmeldungen: Danke, endlich sagt es mal jemand.

Die Ankermanns selbst schreiben daraufhin nochmal:

"Liebe Community, einige negative Erfahrungen in unseren Märkten haben uns dazu veranlasst, diesen Post zu verfassen. Wir hätten nie vermutet, dass dieser so eine große Resonanz erfährt. Wir wollten damit lediglich ein wenig zum Nachdenken anregen, an Menschlichkeit und Verständnis appellieren und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Rücken stärken. Mit Ihren zahlreichen positiven Reaktionen haben Sie uns gezeigt, dass wir damit ganz richtig liegen. Toll, dass auch für Sie gegenseitige Wertschätzung und Respekt noch immer an erster Stelle stehen. Wir haben uns über jeden Kommentar gefreut und möchten Ihnen hiermit dafür Danke sagen. Wir sehen uns bei EDEKA Ankermann. Bis bald." 
Der Handelsverband Deutschland hat gerade eine Digitalkampagne gestartet, um Auszubildende für die Branche zu begeistern, denn soooo sexy ist der Einzelhandel als Arbeitgeber nicht. Auch, wenn hier jedes Jahr sehr viele junge Menschen ihre Berufsausbildung beginnen. Aber eben oft, weil in den Wunschbranchen nichts mehr zu holen war.

Die Ankermanns sind die besten Branchenbotschafter

Das Image der Handelsberufe war immer so naja, bis schlecht. Das ließ sich am jährlichen Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes ablesen, in denen die Ausbildungsberufe Einzelhandelskaufmann und Verkäufer immer unterdurchschnittlich abschnitten. Immerhin: Im Report für das Jahr 2018 liegen beide Beruf im Mittelfeld - zusammen etwa mit Koch, Lackierer und Bankkaufmann. Das ist doch schon mal ein guter Schritt nach vorne. 
© etailment
Möglicherweise sind aber die Ankermanns die besten Branchenbotschafter, ihr Facebook-Post ist vielleicht wirkungsvoller als jede von Werbestrategen erdachte Kampagne. Die niedersächsischen Edeka-Händler zeigen, wie sehr sie hinter ihren Mitarbeitern stehen, weil sie wissen, dass ohne diese Leute ihr Laden nicht laufen würde. Aber vielleicht ist es ja gar nicht ihr betriebswirtschaftliches Interesse, sondern ein höheres, nämlich die Achtung vor Menschen.

Das ist Haltung. Und die kann man auch haben, wenn man in Groß Schwülper wohnt.

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